In der Kuschelwelt

Fulminante Uraufführung zur neuen Spielzeit am DT in Göttingen

Sie rücken zusammen: Das Ensemble spielt die Bewohner einer scheinbar perfekten Welt. Foto: Autin

Göttingen. Spätestens beim Dankbarkeits-Tagebuch bricht das Publikum vor Lachen endgültig zusammen. Immer wieder wollen die Bewohner dieser achtsamen Kuschelwelt ihre Heftchen zücken, um bewegende Gespräche oder Umarmungen festzuhalten.

Sie sagen Sätze wie „Bitte fühl dich nicht zu einem intimen Geständnis gezwungen, bloß damit es mir besser geht. Aber wenn du wirklich darüber reden möchtest, freue ich mich.“

Egoismus, das Achten auf Äußerlichkeiten, Eifersucht, Todesangst und Konkurrenzdenken im Job sind eliminiert. Man hüllt sich in wallende Gewänder, die alle Geschlechtsmerkmale verwischen, würde nie in tote Tiere beißen und bietet den anderen als Höhepunkt der Fürsorglichkeit unentwegt Wasser aus den Spendern am Bühnenrand an.

Rebekka Kricheldorf hat für die Eröffnung der Spielzeit am Deutschen Theater in Göttingen „Homo Empathicus“ geschrieben, ein Stück, das präzise und auf den Punkt Strömungen unserer genderkorrekten, achtsamkeitsstrebenden, ernährungsfanatischen Selbstverwirklichungswelt auf die Spitze treibt. Wie wäre es, wenn jeder die Hinweise aus den allgegenwärtigen Ratgeberbüchern tatsächlich umsetzen würde?

Das ist großartig komponiert, toll geschrieben und hat einen hohen Wiedererkennungswert, wie an den Publikumsreaktionen bei der umjubelten Premiere am Freitag abzulesen war.

Der neue Intendant Erich Sidler setzte mit der überzeugend inszenierten Uraufführung zum Auftakt seiner Amtszeit ein ganz starkes Signal – und brachte alle Ensemblemitglieder auf die Bühne. Gregor Müller (auch Kostüme) hat sie in Froschgrün gestaltet, man lagert sich um ein riesiges froschgrünes Herzkissen auf dem Boden, im Hintergrund das grüne Herzhäuschen, wo die Ausscheidungen analysiert werden, um jedem die passende Ernährung zuzuteilen.

Choreograf Valenti Rocamora i Torà verstärkt das Wohlfühlstreben mit einer komplexen Bewegungssprache, die an Tai-Chi erinnert. In einer Szene kommunizieren alle als ein Gemeinschaftskörper wortlos, dazu wird der Rhythmus der Körper per Video auf einer bühnenhohen Leinwand vervielfacht.

Das Stück beleuchtet Lebensstationen. In einer skizzenhaften Szenenfolge, bei der es keine Hauptfiguren gibt, sondern alle 26 Schauspieler gleichermaßen zum Zuge kommen, geht es um das Eltern-Kind-Verhältnis, Liebesbeziehungen („Wie hast du deinen Menschen gefunden?“), Sexualität, Älterwerden, das Miteinander im Beruf und das Problem, sich hässlich zu finden. Das ist natürlich ein verbotenes Wort, wie dem verzweifelten „Kürzerlebenden“ (also dem jungen Mensch) sofort beschieden wird. Er leide vielmehr an einer „Attraktivitäts-Differenz-Chimäre“.

Subtil lassen Kricheldorf und Sidler immer deutlicher werden, wie es unter dem freundlichen Dauergeschmuse brodelt. Bis der immer kompakter zusammenstehende Gesellschaftskörper sich einig wird, zwei Eindringlinge zu töten – heißt hier: „ihnen helfen, rechtzeitig ihren Moment zu erleben“. In letzter Minute kann ausgerechnet ein Theaterautor die Situation retten.

Und wenn daraufhin der weise Doktor hervorhebt, dass es Aufgabe der Kunst sei, „Zweifel zu säen, auf dass der Rezipient das Gute immer wieder hinterfrage, ob es denn noch das Gute sei“, dann gibt Erich Sidler damit ein klares Bekenntnis zu seinem Verständnis von Theater als notwendigem Störfaktor in der Gesellschaft. Ein vielversprechender, begeisternder Start.

Aufführungen: 8., 15., 20.10., Karten: 0551/496911.

Von Bettina Fraschke

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