Achter Kassel-Krimi des Schnellschreibers Matthias P. Gibert über entlassene Sicherungsverwahrte

Kassel-Krimi: Fulminantes Finale am Herkules

Matthias P. Gibert

Kassel. Kommissar Paul Lenz hat eine heftige Schießerei überstanden, ausgerechnet in einer ruhigen Siedlung im friedlichen Espenau. Ein russischer Menschenhändler wurde getötet. Nun ruft Lenz als Erstes seine Geliebte Maria Zeislinger an. Die allerdings wurde vor ihrer Haustür zusammengeschlagen und gerade ins Klinikum Kassel eingeliefert.

Die Dinge spitzen sich dramatisch zu in „Zeitbombe“, dem achten Fall, in den Krimi-Autor Matthias P. Gibert seinen Kasseler Kommissar Lenz schickt. Vor allem kommt der Ermittler Abgründen in den eigenen Reihen auf die Spur. Selbst sein pensionierter langjähriger Chef Ludger Brandt wird hochgradig nervös, als im Abstand von ein paar Tagen mehrere Polizisten tot im Rengershausener Tunnel aufgefunden werden.

Die Kollegen haben sich nicht freiwillig aufs Gleis gelegt, das findet Lenz schnell heraus, es war ein Narkosemittel im Spiel, das bei vollem Bewusstsein sämtliche Muskeln entspannt. Ein grauenhafter Tod, den Gibert beinahe genüsslich schildert, wie er auch die Auffindesituation der Leichen allzu breit ausmalt.

Sein eigentliches Thema sind jedoch die sicherungsverwahrten Häftlinge, die nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte freigelassen wurden und mit einem gigantischen Aufwand rund um die Uhr bewacht werden müssen - wobei die Kasseler Polizei bei Gibert etwas tölpelhaft aussieht.

Der Schriftsteller hat sich zu einem Viel- und Schnellschreiber entwickelt. Wieder hält er die Fäden seiner Geschichte, die er in einem fulminanten Finale am Herkules zusammenführt, überlegt zusammen. Etwas mehr Bedächtigkeit bei der Konstruktion würde künftigen Krimis aber guttun.

Es gibt keinerlei Tempo- oder Stilwechsel, Gibert verlässt sich fast ausschließlich auf den Dialog. So werden geschickt alle für die Aufklärung notwendigen Informationen vermittelt, all die Telefonate, Vernehmungen und Unterhaltungen werden aber doch etwas eintönig. Man beginnt darauf zu achten, wie konsequent Gibert künstliche Umschreibungen sucht. Kaffee ist also „braune Brühe“ oder „Heißgetränk“, die Zigarette immerzu ein „Glimmstängel“, der Mazda des Assistenten „der kleine Japaner“. Apropos: Gibert lässt den Leser mit Nachdruck wissen, dass Lenz, statt im offenen Wagen durch die heiße Sommernacht zu fahren, lieber mit Maria auf der Couch „fummeln“ würde.

Die ist noch immer mit dem Oberbürgermeister verheiratet, zeigt sich aber jetzt mit Lenz „im Epizentrum der Hautevolee“: Am Samstagmorgen in der Markthalle, wo „das Bildungsbürgertum und die besseren Kreise“ ihre Einkäufe erledigen. Solches Lokalkolorit (der Chefarzt der Unfallklinik, Dr. Manfred Raible, taucht sogar namentlich auf) macht die Gibert-Lektüre natürlich zu einem Vergnügen. Matthias P. Gibert: Zeitbombe, Gmeiner, 368 S., 11,90 Euro, Wertung: !!!::

Von Mark-Christian von Busse

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