Die sechste Berlin Biennale sucht unter dem Titel „Was draußen wartet“ nach der Wirklichkeit

Gackern im Namen der Kunst

Petrit Halilaj baut sein Haus in Pristina nach: Die Installation heißt „The places I’m looking for, my dear, are utopian places, they are boring and I don’t know how to make them real“. Fotos:  Berlin Biennale/ nh

Berlin. Der jüngste Biennale-Teilnehmer ist 24 Jahre alt. Petrit Halilaj stammt aus dem Kosovo und besetzt die Haupthalle der Kunst-Werke, den Ausgangspunkt aller Berlin Biennalen im Stadtteil Mitte. Die Betonverschalung seines wieder aufgebauten Elternhauses nahe Pristina hat er in den aseptischen White Cube gepflanzt. Die Rekonstruktion atmet den Geruch des Holzes und den von freilaufenden Hühnern. Wer gackert denn da?

Poetisch, nicht brutal dringt hier die Realität eines im Krieg zerstörten Landes in den Kunsttempel. „Was draußen wartet“, hat Kuratorin Kathrin Rhomberg ihre Biennale genannt und ihr Hauptaugenmerk auf gesellschaftspolitische Positionen gerichtet. Aus dem Kunstraum hinaus auf die Wirklichkeit zu schauen und umgekehrt die Realität einzubeziehen, ist ein Merkmal dieser sechsten Ausgabe der Berlin Biennale.

Schon der Weg ins migrantisch geprägte Kreuzberg, wo am Oranienplatz ein leer stehendes Kaufhaus mit überwiegend dokumentarischen Arbeiten aufwartet, führt mitten hinein in die Probleme unserer Zeit: Armut, Arbeitslosigkeit, Migration. „Irgendwann wird es überall bei uns so aussehen“, äußerte die 46-jährige Österreicherin, die in diesem Jahr verantwortlich zeichnet für die Auswahl der 46 Künstler, in einem Interview.

Drinnen überwiegen Fotografie und Videofilm. Malerei – Fehlanzeige. Skulptur und Installation bilden den Gegenpol zu den semi-dokumentarischen Kamerabildern. Der Drang auf die Barrikaden ist unübersehbar. Etwa in Minerva Cuevas Video über Formen des Widerstands in Mexiko-Stadt. Auf dem Dach des ehemaligen Kaufhauses weht eine rote Fahne von Marcus Geiger. Ihr fehlt ein Stück. Sein bedruckter Teppich im zweiten Stock wirkt abgelatscht.

Vielleicht lag er früher einmal in der „Kommune“, von welcher die Großbuchstaben künden. Auf jeden Fall schreiten jetzt die Besucher drüber, die mit dieser Biennale sensibilisiert werden sollen für das, was sich tut draußen in der Welt: Alltag, Krise, Krieg oder Gewalt. Avi Mograbis Kameras versuchen israelische Soldaten abzuwehren. Kunst ist für sie so fern wie der Mars. Eine Arbeit, die auch die Grenzen des Kunstwollens aufzeigt.

Was sie vermag, demonstriert eine Zwei-Kanal-Projektion von Mark Boulos in den Kunst-Werken. Hautnah heran zoomt er das hektische Treiben an der Chicagoer Börse. Brandaktuell erscheint dieser Beitrag. Auf der einen Seite die nervösen Broker, die an der Börse mit Erdöl handeln, auf der anderen die Einwohner des Nigerdeltas, die durch Raffinerien von Shell ihrer Fischgründe beraubt werden. Sie schließen sich zusammen, beschwören die Geister und erklären allen Weißen den Krieg. Hier kommt die Kunst der Wirklichkeit, wie sie im Golf von Mexiko wütet, erschreckend nah.

Ob das ihre Aufgabe ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Kathrin Rhomberg, die auch noch in eine alte Kfz-Werkstatt zum amerikanischen Filmemacher und Comiczeichner George Kuchar sowie in die Alte Nationalgalerie zu Realismus-Pate Adolph Menzel führt, möchte die Wahrnehmungsroutine brechen. Für Kunst-Genießer ist ihre Biennale eine kalte Dusche.

Bis 8. August in den Kunst-Werken, Auguststraße 69 in Mitte, sowie in der Alten Nationalgalerie, Bodestraße 1-3, und am Oranienplatz 17 in Kreuzberg. www.berlinbiennale.de

Von Andrea Hilgenstock

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