Gänse auf der Dorfstraße

Künstlerkolonie Willingshausen mit Ausstellung bei Eon Mitte Kassel 

„Begegnung auf Schwälmer Feld“: Gemälde von Hugo Mühlig ohne Datierung. Er hielt sich 1890 und von 1904 bis 1906 in der Künstlerkolonie auf. Fotos:  Eon/nh

Kassel. Drei Quellen hat die Ausstellung, die in der Unternehmensleitung von Eon Mitte Kassel unter dem Titel „Zwischen Tradition und Moderne“ einen hinreißenden Querschnitt der 190-jährigen Geschichte der Malerkolonie Willingshausen bietet:

Die 40 Gemälde stammen aus dem Eigentum der Vereinigung Malerstübchen und der Gemeinde Willingshausen, aus dem Museum der Schwalm Ziegenhain und aus einer Privatsammlung.

Schon allein die sonst nie öffentlich gezeigten Bilder dieser Sammlung lohnen den Besuch der Schau, die durch Möbel, Weißstickerei, Bestandteile der Tracht und alte Fotografien ergänzt wird. Etwa der „Kirchgang am Abend“ (vermutlich von 1911) von Franz Martin Lünstroth (1880-1968), eines der wenigen nächtlichen Motive der Schwälmer Maler.

Menschen in Tracht huschen im Schnee zur Kirche, nur schemenhaft sind die Gestalten im Mondlicht umrissen, Blau- und Schwarztöne dominieren. Mit idyllischer Verklärung eines vermeintlich paradiesischen Landlebens hat ein solches Bild nichts zu tun. Auch Adolf Lins’ „Abendläuten“ von 1889 enthält sich einer pathetischen Idealisierung, auch wenn die auf der unbefestigten Dorfstraße auseinanderstiebenden Gänse und die Blüte des Frühsommerabends eine heitere, unbeschwerte Atmosphäre schaffen. Lustig ist auch Lins’ (1856-1927) Darstellung einer Gruppe Schweine am Waldrand. Eines reibt sich an einem Stamm - dass solche Motive bildwürdig, sogar mit Öl auf Leinwand festgehalten wurden, ist charakteristisch für die Programmatik der Künstlerkolonien, in denen man sich mit dem dörflichen Leben und der Natur auseinandersetzte.

Willingshausen gilt als eine der ältesten Künstlerkolonien Europas. Zu ihrer Blütezeit trug vor allem der gebürtige Ziegenhainer Carl Bantzer (1857-1941) bei, der als Dresdner Professor mit Studenten (darunter Kurt Schwitters) Sommer für Sommer in die Schwalm kam. Von Bantzer wird eine Version seines Erntearbeiters gezeigt, der seit deren Wiedereröffnung erneut in der Neuen Galerie in Kassel zu sehen ist. Erstmals ausgestellt ist ein „Schwälmer Paar“ von Emil Beithan (1907), das eine Sammlerin den Willingshäusern übereignet hat.

Wie die Tradition der Malerkolonie fortlebt, zeigt Gegenwartskunst von heutigen Willingshäuser Stipendiaten - gerade ist der 34. Stipendiat ins Hirtenhaus eingezogen. Nicht zuletzt ist die Ausstellung eine schöne Werbung für die Jahrestagung der Dachorganisation der 80 Künstlerkolonien, der Euro-Art, die 2013 in Willingshausen stattfinden wird.

www.malerkolonie.de

Von Mark-Christian von Busse

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