Die „Schillerbande“ zeigte als Jubiläums-Nachtrag in Niedervellmar „sämtliche Werke... leicht gekürzt“

Im Galopp durch Klassik und Klamotte

VELLMAR. Was ist es an Schillers Werken, das Schauspieler, Kabarettisten und Rezitatoren zu ständig neuen parodistischen Versuchen reizt? Ist es der hohe Ton, das Pathos, der idealistisch überhöhte Mut vor Fürstenthronen, ist es der radikale Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit, für Liebe und Ehre, der so unnachahmlich klangvoll und selbstsicher vorgetragen wird? Vielleicht von all dem, das auf den ersten Blick so gar nicht mehr zeitgemäß erscheint, ein wenig. Der 250. Geburtstag des Weimarer Klassikers 2009 bot Anlass genug, sich außerhalb der schulischen Pflichtlektüre mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Die Schauspieler Kristian Bader, Michael Ehnert, Jan Christof Scheibe und Hilmi Sözer schlossen sich zur „Schillerbande“ zusammen, um sein Gesamtwerk auf ihre Weise zu würdigen. Kein Spielen vom Blatt, sondern ein kabarettistischer Galopp durch elf Dramen, durch Schillers Biografie und nebenher durch die Situation heutiger Schauspieler, die um wichtige Rollen kämpfen und gleichzeitig wache Zeitgenossen sind. Am Samstag gastierte die „Bande“ in der Kulturhalle Niedervellmar.

Es war witzig und virtuos, was die vier Theaterprofis da in fliegenden Rollenwechseln, mit viel Elan und wenig Requisiten dem Publikum vorstellten. War Hilmi Sözer eben noch ein von seinen Kollegen herumgeschubster und von oben herab behandelter türkischer Gastarbeiter, konnte er im nächsten Moment als strenge britische Königin die Rivalin Maria Stuart zu Tode befördern oder als Geheimrat Goethe dem skeptischen Dichterkollegen und späteren Freund Schiller gegenübertreten.

So jagten die vier durch die „Räuber“, „Kabale und Liebe“, „Wilhelm Tell“ oder - ein Höhepunkt - „Wallenstein“, dessen großer Monolog immer mehr zu einer bedrohlichen Rede in Hitler-Diktion degenerierte. Dazwischen Musik, Balladen und Spinettklänge von Jan Christof Scheibe (auch Komponist). Hinter Jubel und Lachtränen, die mit einer ausgedehnten Zugabe belohnt wurden, hinter Perücken und großspurigen Gesten lugte der „wahre Schiller“ mit seiner künstlerischen Substanz durchaus hervor.

Von Claudia v. Dehn

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