Die Gangster von der Route 66: Frank Castorfs "Ring"-Auftakt in Bayreuth

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Gaunertreff am Hotelpool: Szenenbild aus „Rheingold“ mit Wolfgang Koch als Wotan (vorn links). Foto: Nawrath/nh

Mit Spannung wurde Frank Castorfs "Rheingold"-Inszenierung bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth erwartet. Der erste Teil des „Rings" hält, was der verspricht.

Bayreuth. Die Götter wohnen in einem heruntergekommenen Motel. Ihr künftiger Wohnsitz Walhall wird aber schon per Imagefilm auf dem Motelfernseher vorgeführt. Beim Cocktailschlürfen auf dem Bett lassen sich die Rheintöchter damit berieseln. Die Zuschauer im Bayreuther Festspielhaus sehen wiederum Rheintöchter, Fernseher und den dort abgespielten Film auf einer Videoleinwand, die über dem Moteldach installiert ist. Das alles wird live gefilmt, der Kameramann läuft mit den Darstellern auf der Bühne umher.

Im zweiten Jahr von Frank Castorfs „Ring des Nibelungen“-Inszenierung in Bayreuth hielten sich am Sonntagabend zum Auftakt Buh-rufe und begeisterter Applaus die Waage. Ungemein dicht und anspielungsreich setzt Castorf Richard Wagners „Das Rheingold“ in Szene. Alle Details sind mit Bedeutung aufgeladen, mithilfe der Kamera lassen sich mehrere Handlungen gleichzeitig erzählen, wir schauen in Schlafzimmer, in die Bar, zum Pool (zu dem hier der Rhein geworden ist), an die Tankstelle dieses abgetakelten Motels an der Route 66 (Bühne: Aleksandar Denic).

Zum Schluss wird der Tankstellenbetreiber das „Außer Betrieb“-Schild aufhängen, der Zapfhahn liegt nutzlos auf dem Boden - ein erster Hinweis auf die Themen Erdöl/Kampf um Rohstoffe, die Castorf seiner „Ring“-Interpretation zugrunde legt.

Wotan mit seinem Goldkettchen, der Blingbling-Armbanduhr und dem rosafarbenen Anzug (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) ist der Chef eines Gangsterclans, der seinen Machtanspruch festigen will - gegenüber den prolligen Nibelungen Alberich und Mime, die im Wohnwagen hausen, wie gegenüber den Geldeintreibern Fafner und Fasolt, blaumanntragende Krawalltypen mit Baseballschlägern.

Kirill Petrenkos ausdifferenzierte, kleinteilige musikalische Interpretation korrespondiert mit der detailreichen Bühnenhandlung und der mythischen Entzauberung der Inszenierung, er legt den Gesamtklang eher analytisch als überwältigend an, auch das Vorspiel bleibt fast schon vorsichtig-verhalten.

Das Sängerensemble überzeugt auf ganzer Linie. Herausragend: Wolfgang Koch als ausdrucksstarker halbseidener Wotan, Nadine Weissmann als würdevolle Erda, Norbert Ernst als taktierender Loge mit feingliedrigem Tenor und Oleg Bryjak, der dem Alberich mit klarer Diktion und dunklem Baritonglanz eine unwiderstehliche Mischung aus Tragik und Lächerlichkeit gibt und den größten Jubel bekam. Castorf hatte sich vorab im „Spiegel“-Interview über diese (einzige) Umbesetzung beschwert, doch aus Zuhörerperspektive bleiben hier keine Wünsche offen.

Verzichtbar sind die albernen Einsprengsel, wenn sich Alberich etwa mit Senf bematscht, nachdem die Rheintöchter (den Schatz im Pool hütend) ihm Grillwürstchen angeboten haben, oder wenn er infantil mit einer quietschgelben Nachzieh-Ente spielt.

Diese trashigen Elemente gehören zum Castorfschen Bildkosmos, sind aber wesentlich schwächer als sein präzise durchgestalteter popkultureller Bezugsrahmen aus Roadmovies und Gangsterfilmen. Die Route-66-Szenerie zapft den Bildervorrat in unseren Köpfen an, verknüpft die germanische Göttersaga stimmig mit heutigen Assoziationswelten von Südstaatenfahne bis Latex-Fetisch, von Coen-Filmen bis Immobilienkrise.

Schließlich wird in der Bar getanzt: Zum musikalischen Schluss-Höhepunkt, dem Einzug der Götter in Walhall, waren die passenden Knöpfe am Musikautomaten gedrückt worden. Wagner wird zum Jukebox-Hit.

Von Bettina Fraschke

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