Ganz aktuell: „Antigone“ am Staatstheater Kassel

Umringt vom Chor: Ingrid Noemi Stein als Antigone. Foto: Klinger

Kassel. 442 vor Christus hat der antike Dramatiker Sophokles seine Tragödie „Antigone“ verfasst. Regisseur Martin Schulze zeigt am Kasseler Staatstheater, dass sie immer noch aktuell ist.

„Unheimlich ist viel Lebendes mir - und keines unheimlicher als der Mensch.“

Die Stabilität des Staates steht auf der Kippe. Herausgefordert von einer Person, die sich das Recht herausnimmt, nach ihren eigenen Gesetzen zu handeln. Kann der Herrscher das durchgehen lassen? Nein, denn „dann diktiert die Straße uns die Ordnung“, fürchtet König Kreon.

442 vor Christus hat der antike Dramatiker Sophokles seine Tragödie „Antigone“ verfasst - und wie Regisseur Martin Schulze sie auf die Bühne des Kasseler Staatstheaters bringt, wirken ihre darin verhandelten Konflikte zwischen Ordnung und gefühlter Wahrheit, zwischen notwendigen Regeln des Gemeinwesens und eingefordertem Raum für Individualbedürfnisse brandaktuell. Kreon ist hier nicht der Tyrann wie sonst oft. Für die Premiere gab es am Samstagabend viel Applaus im ausverkauften Schauspielhaus.

Die Geschichte handelt von der trauernden Antigone, deren zwei Brüder im Krieg gefallen sind und die nun denjenigen nicht bestatten darf, der für die gegnerische Seite gekämpft hat. Sie widersetzt sich dem Befehl des Königs und geht in den Tod. Später folgen ihr des Königs Sohn Haimon und Kreons Frau Eurydike.

Es ist ein gelungener, abstrakter Theaterabend, der durch seine strenge Formensprache der gedanklichen Auseinandersetzung Raum gibt.

Daniel Roskamp hat dafür einen leeren Bühnenraum geschaffen, in dem mannshohe Speere im Boden stecken, um das Kriegsszenario anzudeuten. Später, als Antigone (Ingrid Noemi Stein) und Haimon (Artur Spannagel) ins Grab gehen, streichen die beiden minutenlang die helle Bühne und die Rückwand mit schwarzer Farbe an.

Überhaupt wird an dem Abend immer wieder geschwiegen. Musiker Dirk Raulf schlägt am Bühnenrand hängende, meterlange Metallstäbe an, dazu setzt er Saxofonakzente. Die Vibrationen klingen lang nach, stehen im Raum wie die unlösbaren Moralkonflikte.

Ein fünfköpfiger Chor aus Eva-Maria Keller, Christoph Förster, Jonas Grundner-Culemann, Bernd Hölscher und Franz Josef Strohmeier mit Masken und schwarzen Gewändern (Kostüme: Ulrike Obermüller) kommentiert das Geschehen. Diese von Dirk Raulf einstudierten Sequenzen gehören in ihrer durchgestalteten Präzision zu den Höhepunkten des Abends. Hier leuchtet auch die diamantharte, großartig moderne Textfassung von Frank-Patrick Steckel am stärksten. Die Darsteller der Hauptfiguren tun sich demgegenüber nicht immer leicht mit der gebundenen Sprache, schaffen es nicht immer, sie sich ganz zu eigen zu machen.

Ingrid Noemi Stein überzeugt als Antigone vor allem mit ihrer Körpersprache: Wie sie mit den stelzenartig hohen Schuhen (Kothurn) beschwerlich wankt, ihre Gliedmaßen vorwärts wuchtet, wirkt sie wie eine Versehrte. Enrique Keil macht als weiß gewandeter Kreon überzeugend den schrittweisen Zerfall seiner Gewissheiten deutlich, bis er am Ende schwarz befleckt und innerlich gebrochen ist. Alina Rank ist eine schmerzensreiche Ismene.

Andere Figuren entstehen aus dem Chor heraus - man kleidet sich um und wird von Masse zu Individuum, allen voran Bernd Hölscher als charismatischer Teiresias.

Wieder am 25.2., 5., 19.3., Karten: 0561-1094-222.

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