Die Grimmwelt widmet eine Sonderschau dem Thema „Im Dickicht der Haare“

Nie ganz zu bändigen

Bindeglied zwischen Leben und Tod: Ein Zimmerdenkmal aus Haaren (19. Jahrhundert). Foto: Koch

Kassel. Eine Locke in einem Papierbriefchen: „Dem Herman abgeschnitten 19. Juni 1831“ hat Jacob Grimm darauf geschrieben. Erinnerung an seinen Neffen, an eine Kindheit. Von Ludwig Emil Grimm gibt es Zeichnungen der weiblichen Familienmitglieder, auf denen die Gesichter hinter dem Haarschwall fast verschwinden, die sinnliche Pracht, die Intimität des gegenseitigen Flechtens stehen im Zentrum. Ausgangspunkte für die erste Sonderausstellung in der vor einem Monat eröffneten Grimmwelt Kassel: „Im Dickicht der Haare“.

Die Schau will zeigen, welcher Kosmos sich öffnet, wenn man den genauen Blick auch auf scheinbar Unbedeutendes richtet wie ein Haar. Analog dazu, wie die Brüder Grimm es beim Sammeln ihrer Stichworte für das Deutsche Wörterbuch getan haben, erläutert Kuratorin Mira Frye vom Büro Hürlimann und Lepp, das auch die Dauerausstellung des Hauses konzipiert hat. So ergeben sich wissenschaftliche, anthropologische, künstlerische und intime Bezüge.

Haare sind Ausdruck der Persönlichkeit, „wie eine Fahne, die wir mit uns tragen“, so Frye. Haare sind aber auch Gegenstand staatlichen Eingreifens, Objekt religiöser Regeln, Sinnbild für Emanzipation und Aufstand. Ihnen werden Zauberkräfte zugesprochen und sie spielen in Märchen wie „Rapunzel“ eine Rolle.

In Kapiteln mit den Titeln Flechten, Scheren, Archivieren, Glänzen, Verschleiern, Berühren, Verwandeln und Zaubern wird auf sinnliche, hintergründige und gesellschaftspolitische Weise das Haar betrachtet.

Werke von Künstlern wie Marina Abramovic (Performancevideo), Chossy (Haarsammlung) oder J.D. ’Okhai Ojeikere (documenta-12-Arbeit mit Fotos der Flechtfrisuren nigerianischer Frauen) ergänzen die Schau.

Funde aus der Alltagswelt wie eine Tafel mit den 25 erlaubten Frisuren in Nordkorea, Internetfotos von iranischen Frauen – heimlich ohne Schleier, Fotos von Frauen, die ihr Haar zum Kauf anbieten oder Youtube-Filme zum Trend, das Geräusch des Haarebürstens anzuhören, lassen ein Panoptikum unserer Gegenwart entstehen. Ins 19. Jahrhundert geht es mit ethnologischen Sammelkästen zu Haaren verschiedener Rassen.

Eine christliche Reliquie und hawaiianischer Halsschmuck aus Haar stehen für die magische Macht, die Haaren zugeschrieben wird. Abgeschnittene Zöpfe für die emanzipatorische Kraft – ich entscheide über meine Frisur selbst. Daneben läuft Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“ mit dem Haarescheren der Army-Rekruten: Der Staat bestimmt.

In der offenen Ausstellungsarchitektur ergeben sich zwischen den Bereichen schöne optische Querverbindungen. Und schon zu Beginn, in Mariella Moslers unfassbar kleinteiligen, blütenförmigen Häkel- und Klöppelarbeiten aus Haar, lernt man ein Charakteristikum des Haars: Es lässt sich nie ganz bändigen.

Bis 20. März, Grimmwelt, Weinbergstraße 21.

Von Bettina Fraschke

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