Swinglegende Paul Kuhn wurde bei seinem Konzert im Kasseler Gloria Filmtheater lautstark gefeiert

Ganz großes Kino auf Tasten

Langes Musikerleben: Pianist Paul Kuhn in Kassel. Foto:  Malmus

KASSEL. Es war ein Abend der intensiven Gefühle und Erinnerungen. Der 82-jährige Bandleader und Pianist Paul Kuhn sorgte mit seinem Trio im vollbesetzten Kasseler Gloria Filmpalast für ganz großes Kino. Die Leinwand blieb zwar leer, doch der begeisterte Jazzliebhaber wirkte bei seinem Konzert wie eine lebendige Chronik des musikalischen Nachkriegsdeutschlands.

Kuhn war nie ein Provokateur, kein Fanatiker mit avantgardistischer Keule, der dem damals auf Volksmusik und Schlager geeichten Medienbetrieb amerikanische Kompositionen von Cole Porter und Irvin Berlin unterschob. Still und heimlich popularisierte er vielmehr Swingmusik, verpackte den wirtschaftlichen Aufschwung in synkopische Lebensfreude und unterhielt mit Witz und Charme ein Publikum, das auch bei Heintje selig zwischen die Sofakissen rutschte.

Und Kuhn hat noch nicht genug. So schwer ihm der Gang zum Flügel fiel, kaum saß der Mann auf der Klavierbank und spürte die Tasten unter den Fingern, entlud sich die Lust an der musikalischen Kommunikation wie bei einem spielenden Kind.

Selbst Hochgeschwindigkeits-Bebop („Scrapple from the Apple“) oder harmonische Großprojekte („One Morning in May”) bewältigte er mit schnörkellosem Schönklang und herrlich konservativer Akkord-Eleganz. Musik, wie eine Fangopackung für die Seele. In sich ruhend, anspruchsvoll ohne Anspruch auf Innovation, lebendig und berührend.

Weisheit sprudelte aus „As Time goes by“ und mit dem gesanglich gehauchten „When I fall in love“ würde sich heute noch jede Frau auf einer Hochhausterrasse in New York bei einem Gläschen Sekt von ihm anflirten lassen.

Und auch Martin Gjakonovski am Bass und Schlagzeuger Willy Ketzer erfüllten ihre Aufgabe als souveräne Begleiter und solistisches Fachpersonal mit Bravour. So schwebte ohne nostalgisches Lametta der Hauch von der guten, alten Zeit über der Veranstaltung, und die Vergänglichkeit zeigte sich im fröhlichen Gewand. Paul Kuhn kann man nur wünschen, noch lange seinen Traum leben zu können. Stehend dargebrachter, lang anhaltender Applaus.

Von Andreas Köthe

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