Ganz großes Tennis in Güllen: Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ in Göttingen

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Dämmert, was auf ihn zukommt: Jugendfreund Alfred Ill (Florian Eppinger) kann Claire Zachanassian (Andrea Strube) nicht von ihrem Rachefeldzug abbringen.

Göttingen. Auf einer dunklen, leeren Bühne treiben sich die Kleinstädter herum, vorwärts, rückwärts, mal rechts, mal links, immer in Bewegung. Es ist eine Art Ausdauerlauf, was sich da im Großen Haus des Deutschen Theaters Göttingen abspielt.

Felix Rothenhäusler hat Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ so auf die Bühne gebracht, dass einem als Zuschauer nichts anderes übrig bleibt, als den Darstellern hinterherzuschauen, wie man beim Tennis dem Ball hinterherschaut. Der junge Regisseur ist ein Freund von Tanz im Sprechtheater. Auch seine Inszenierung von Dürrenmatts tragischer Komödie ist ein Crossover zwischen diesen beiden Sparten.

Die alte Dame Claire Zachanassian (Andrea Strube) kehrt nach Güllen zurück, in das Städtchen ihrer Geburt und Jugend, um Rache zu nehmen an jenem einst geliebten Jugendfreund Alfred Ill (Florian Eppinger). Der hat nicht nur aus finanziellem Kalkül eine andere (Gaby Dey) geheiratet, sondern er leugnet auch die eigene Vaterschaft und macht mit einem miesen Trick seine Klara zum leichten Mädchen und treibt sie aus ihrer Heimatstadt ins Bordell.

In Güllen, wo seit Jahr und Tag Stillstand und Verrottung herrschen, verfallen die Einwohner mit der Ankunft der alten Zachanassian in eine ausufernde Rastlosigkeit. Die schwerreiche Dame stellt den stinkarmen Einwohnern einen gewaltigen Reichtum in Aussicht - unter einer Bedingung: Die Einwohner töten Alfred. „Eine Milliarde für eine Leiche“, so das Angebot.

Felix Rothenhäusler verpasst den Figuren choreografierte Bewegungen, die das Dilemma, in dem sie sich bald wiederfinden, sichtbar machen. Die Angst, entweder in noch größere Armut zu versinken oder die Forderung der alten Dame erfüllen zu müssen, spiegelt sich eindrucksvoll in mechanischen Wiederholungen von Texten und Gebärden. Musikalische Zitate unterstreichen das, was auf der Bühne passiert. Paul Wenning als Bürgermeister von Güllen treibt das Geschehen mit einer Trommel voran.

Musikalische Motive wie Mozarts Klaviersonate Nr. 11, Beethovens „Ode an die Freude“ und Edvard Griegs „Morgenstimmung“ verstärken den Eindruck. Im Wechsel zwischen Komik und Ernst finden Bürgermeister Paul Wenning, Gerd Zinck als Pfarrer, Alois Reinhardt als Lehrer und Polizist Meinolf Steiner zu großer schauspielerischer Ausdruckskraft.

Dabei hagelt es auch reichlich komische Effekte, zum Beispiel wenn Paula Hans das Geschehen mit dem Aufsagen von Regieanweisungen kommentiert. Florian Eppinger spielt die innere Wandlung und Läuterung des Alfred Ill bis ins Detail bemerkenswert. Leichtfüßig kommt Andrea Strube als jugendliches Klärchen daher. Auch die kalte und verbitterte Claire nimmt man ihr ab, obwohl die gerne noch etwas kälter und verbitterter sein dürfte.

Auch am 25., 31. Mai, 19.45 Uhr, sowie am 1. Juni (20.30 Uhr) 6., 10., 16., 24. und 28. Juni (19.45 Uhr). Karten: Tel. 0551 / 496911.

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