PJ Harveys verstörende CD „Let England Shake“

Das ganze brutale Ausmaß des Kriegs

Sirenenhafte List: PJ Harvey. Foto: Universal

Von großen Vietnam-Romanen bis zu ungezählten Analysen kriegerischer Konflikte in Sachbuchform - die Aktualität des Themas findet seinen Niederschlag in Buchform. Umso erstaunlicher, wie beharrlich sich (Pop-)Musiker in Schweigen hüllen.

Gut, dass es PJ Harvey gibt. Die 41-jährige Britin hat mit „Let England Shake“ ein eminent politisches Album eingespielt - eines über England als Krieg führende Nation, mehr aber noch über Krieg an sich als menschenvernichtendes, die Psyche zerstörendes, die Zivilbevölkerung in furchtbare Mitleidenschaft ziehendes, Zeiten und Kulturen brutal durchschreitendes Ereignis.

Polly Jean Harvey besingt sehr konkret verstümmelte Kinder. Sie sucht nach griffigen Bildern für all die emotionalen Verwerfungen, das verbrannte Fleisch, abgetrennte Beine und Arme („Arms and legs were in the trees“).

PJ Harvey sagt, sie habe sich lange nicht imstande gefühlt, sich dieses Menschheitsthemas anzunehmen. Anprangernde Protestsongs hätte sie vermeiden wollen. Darin liegt die Stärke von „Let England Shake“, wiewohl man darüber streiten mag, was es heißt, vom „Vaterland“ zu sprechen, so wie PJ Harvey das tut, die in den 90ern berühmt wurde mit für diese Zeit typischen, krachgewogenen Gitarrenalben.

Einige Rezensenten zeigten sich irritiert von der kontrastreichen Helligkeit der Musik, von der heiteren Melancholie der Melodien, der Klarheit der Sounds, den wenig zerkratzten, hymnischen Gitarrenklängen, besengestrichenen Drums, perlenden Klavierakkorden und aufgekratzten Bläsern. Und nicht zuletzt von PJ Harveys Stimme selbst, die so variantenreich zärtlich, hingebungsvoll, bisweilen kieksend mädchenhaft die Tonlagen und Ausdrucksmodi ins Malerische wendet - und nie klingt wie jemand, der vom Krieg singt.

Es ist dieser Kontrast, der einen kalt erwischt, wenn man dessen gewahr wird, wovon sie da singt. Die Schönheit der Musik erzeugt die Fallhöhe für die besungenen Gräuel. Fassungslos starrt man in einen Abgrund, dem man zu nahe kam - durch sirenenhafte List.

PJ Harvey: Let England Shake (Island/Universal).

Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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