Erster Band der Wense-Schriften erschienen

Das ganze Leben ist wie eine Wolke

„Meine Heimat ist der Horizont“: Wense-Fotografie während einer Wanderung im Chattengau. Foto:  nh

Kassel. Inzwischen hat der Universalgelehrte Hans Jürgen von der Wense (1894 - 1966), der zu Lebzeiten so gut wie nichts publizierte und nur einem interessierten Freundeskreis bekannt war, eine richtige Gemeinde. Sie giert auf Neues vom Schriftsteller, Komponisten, Übersetzer, Fotografen und besessenen Wanderer, der von 1932 bis ’40 in Kassel und danach in Göttingen lebte und seit den 90ern dem Vergessen entrissen wird.

Reichlich weiteren Stoff - gerade für Fans - bietet der erste Band einer neuen Reihe „Wense-Schriften“, der vor allem die Beiträge der zweiten Wense-Tagung im Herbst 2010 zusammenfasst. Im vollen Eulensaal der Murhardschen Bibliothek in Kassel spielte bei der Präsentation Martin Wenning, der an einer Dissertation über Wenses Kompositionen arbeitet, einige von dessen Klavierstücken, Harald Kimpel sprach über „Wenses Wolken“ - illustriert von Aufnahmen, die der Wanderer Wense gemacht hat.

Kimpel verband dessen euphorische Leidenschaft für das „Minenspiel des Himmels“, für das „Hochgebirge der Wolken“ mit den nie zu stillenden Interessen und der Unfähigkeit, ein Werk zu vollenden. Das Flüchtige, Wandelbare, Ungreifbare und Bewegliche der Wolken entsprach nicht nur dem Wandern als Existenzform (Wense: „Wer wandert, der wird selbst zur Landschaft, er wird Wolke oder Fluss“), es steht auch für die permanente Selbstrevision und Unabschließbarkeit der Texte, die er folglich in 300 Mappen sammelte - 30 000 Blätter. „Mein ganzes Leben wird zu einer Lufterscheinung, einer Wolke“, hielt Wense fest. Jahre später: „Eines Tages verschwinde ich in den Wolken.“ Noch in der letzten Notiz hieß es: „Immer aufbrechen, niemals heimkommen. Die Wolken sind das letzte im Leben.“

Axel Halle, Leiter der Uni-Bibliothek, die den Nachlass erworben hat, und neben Wense-Freund Dieter Heim und Wense-Neuentdecker Reiner Niehoff Herausgeber, stellte weitere Funde in Aussicht. Forschungsanträge laufen, der Nachlass konnte ergänzt werden, eine Tagung 2013 ist in Planung, an eine Ausstellung wird gedacht. „Das gewisse Wense-Fieber“, das Oberbürgermeister Bertram Hilgen beobachtet, ist nicht abgeklungen. „Immer noch sind nur Umrisse seines vielschichtigen Werks zu erkennen“, sagt Halle, vieles sei zu entdecken, zu erforschen und zu publizieren.

Andreas Gebhardt/Karl-Heinz Nickel (Hg.): Hans Jürgen von der Wense: Einflüsse - Wirkungen - Inspirationen, Kassel University Press, 154 S., 29 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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