Das Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters mit Marco Comin und Emre Elivar war voller Kontraste

Das ganze Spiel von soft bis wild

Delikater geht’s nicht: Emre Elivar spielte als Gastsolist das zweite Chopin-Klavierkonzert. Foto: Fischer

Kassel. Chopin reimt sich auf Parfum. So weichzeichnerisch in eine Wolke sanfter Klänge gehüllt wie bei Emre Elivar hört man Frédéric Chopins zweites Klavierkonzert kaum einmal. Mit seiner Deutung hat der 34-jährige türkische Pianist beim Sinfoniekonzert des Staatsorchesters in der nicht ganz gefüllten Kasseler Stadthalle höchst unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen.

Tatsächlich ist Elivar ein Klangschmeichler von hohen Graden, immer auf der Suche nach dem noch delikateren Klavierton. Und dazu ein technisch gewandter und geschmeidiger Spieler.

Doch was hat er aus Chopins brillantem Konzert gemacht? Schon beim ersten Klaviereinsatz des mit Maestoso (majestätisch) überschriebenen Eingangssatzes zelebriert Elivar seinen supersoften Pianoklang, thematische Konturen verschwimmen, das Tempo wird zerdehnt und ist vom Dirigenten Marco Comin nur mühsam wieder aufzunehmen.

Im zweiten Satz kostet Elivar Chopins elegante Klaviergirlanden fast bis zum Tempostillstand aus. Und selbst im virtuosen dritten Satz, in dem Elivar seine technische Brillanz aufblitzen lässt, wagt sich der Solist nur selten aus der Umhüllung des Orchesterklangs hervor.

Begeisterter Beifall auf der einen Seite, Kopfschütteln auf der anderen für diesen Auftritt. Zwei Zugaben folgen, der Schlusssatz aus Mozarts C-Dur-Sonate KV 330 und das Nocturne cis-Moll op. posth. von Chopin, in denen Elivar sein samtiges Klavierspiel noch einmal perfekt zur Geltung bringt.

Nach so viel Schönklang musste Béla Bartóks 1926 uraufgeführte Tanzpantomime „Der wunderbare Mandarin“ als brutalstmöglicher Kontrast erscheinen. Schockierte einst der „barbarische Expressionismus“ Bartóks, so begeistert heute die illustrative Kraft dieser suggestiven Musik. Die Geschichte vom Mandarin, der, gezwungenermaßen angelockt von einem tanzenden Mädchen, überfallen und schließlich getötet wird, benötigt daher in Wahrheit keine Bühnenhandlung.

Marco Comin führte das Staatsorchester in einen spielerischen Rausch. Von den ersten wild-motorischen Figuren der zweiten Geigen bis über das Verlöschen der Musik beim Tod des Mandarins hinaus herrschte Hochspannung, wobei der textlos singende Kasseler Konzertchor sich nahtlos ins instrumentale Geschehen einfügte.

Gewaltige Klanghöhepunkte wie die überwältigenden Terzrufe beim Erscheinen des Mandarins und die wahnwitzige Verfolgungsszene, ein irres Fugato, wechselten mit feinen Farbenspielen - allerdings nicht ohne wiederholte Intonationsschwächen.

Mit der Vitalität von Bartóks Musik konnte sich das elegische „Epitaph for Béla Bartók“ für Streicher des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara, der das Konzert eröffnet hatte, nicht messen. Durchatmen, dann starker Beifall.

Von Werner Fritsch

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