Mark Zurmühle schickt die Zuschauer in der Göttinger Lokhalle für „Faust 1 und 2“ auf eine Reise

Die ganze Welt in einer Halle

Verzweiflung: Marie-Kristien Heger wendet sich als Gretchen im Gebet an die Jungfrau Maria. Fotos:  Thomas Müller

Göttingen. Mit dem gelben Reclamheft in der Hand winkt Angelika Fornell hoch auf einer Leiter stehend die Besucher in der Göttinger Lokhalle zu Papphockern, die auf dem Betonboden verteilt sind. Sie ist die Lotsin eines spektakulären Projekts des Deutschen Theaters in Göttingen. Mark Zurmühle zeigt Johann Wolfgang von Goethes Tragödiendoppel „Faust 1 und 2“ in der historischen Industriehalle an wechselnden Stationen.

Der 4,5-Stunden-Abend zerfällt in zwei Hälften. Nach dem aufsehenerregenden, beglückenden und kohärent gestalteten ersten Teil gelingt es in der zweiten Hälfte nicht recht, deutlich zu machen, welche Regieidee hinter der Bilderflut steht. Die Textmengen rauschen schließlich nur noch durch, rasant deklamierende Schauspieler und zu viel antiker Mythenklimbim machen es kaum möglich, eine inhaltliche Aussage des Regieteams zu erkennen.

Dass an einer Station Zettel mit schriftlichen Erklärungen zu den Mythenfiguren angebracht sind, zeigt das Problem überdeutlich.

Aber der Anfang! Großartige und berührende Bilder, präzise geschnittene Szenen und Albrecht Zieperts fantastische Musik machen die erste Tragödie des ewig strebenden Wissenschaftlers Faust zu einem außerordentlichen Theatererlebnis. In die nackte Halle aus rostigem Eisen, Backsteinen und Beton werden Podeste als Spielorte hineingefahren, das Publikum sitzt mal im Karree, mal im Kreis, mal steht es nah am Geschehen: Eleonore Bircher hat mit ihrer Bühnengestaltung erneut ihre poetische Ausdruckskraft bewiesen.

Beim Osterspaziergang wird Tai Chi praktiziert. Die Walpurgisnacht führt die Zuschauer in einen Club wie das Berliner Berghain mit Rammstein-artiger Musik. Mit blauem Licht von der Gebäude-Außenseite wird die Lokhalle bei Gretchens Mariengebet zur Kathedrale. Und wenn sie Faust auf ihrem weißen Eisenbett begegnet, schrumpft der riesige Raum zu einer Mädchenkammer, in der Faust aus Egoismus ein Leben zertrümmert.

Marie-Kristien Hegers Gretchen erkennt das von Anfang an, sie ist kein Naivchen. Ihr Martyrium im Kerker, vom Mob gedemütigt und in Ketten gelegt, geht unter die Haut. Ebenso wie die Begegnung mit Faust dort, für den sie zugleich Liebe, Skepsis und Verachtung übrig hat: der Höhepunkt des Abends.

Florian Eppinger gibt dem ewig strebenden Titelhelden einen Grundpessimismus, der von Momenten der Hoffnung durchbrochen ist. Die Inszenierung zeigt ihn als verantwortlungslosen Diffusling. Meinolf Steiners Mephisto ist ein liebenswerter, undiabolischer Charmeur, der um seine begrenzte Macht weiß. Die anderen Darsteller in einheitlichen schwarz-weißen Kostümen von Ilka Kops wechseln ihre Rollen und bewegen sich, wunderbar choreografiert von Efrat Stempler, im Raum.

Auch das Zuschauermanagement gelingt bestens. 250 Leute, die ja nicht wissen, wohin, werden schnell und unangestrengt an die jeweiligen Schauplätze gebracht – und selbst das Sekttrinken in der Pause wird Teil des Stücks.

Bis 20.10., Karten: 0551-496911, Musik auf CD erhältlich.

Von Bettina Fraschke

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