Erste Lichtkunst-Biennale im Ruhrgebiet zeigt Werke von 60 Künstlern bei Privatleuten

Zu Gast bei Frau Schmidt

Endlich mal was los: Die 82-jährige Frau Schmidt freut sich auf Besucher, die Joseph Kosuths Kunst betrachten möchten. Foto: Ruhr 2010

Wollten Sie immer schon mal wissen, wie es bei einer Bergarbeiterfamilie im Wohnzimmer aussieht? Interessieren Sie Lichtkunstwerke in ungewöhnlicher Umgebung? Dann haben wir was für Sie.

Im östlichen Ruhrgebiet, am Hellweg, findet die 1. Biennale für Internationale Lichtkunst statt, ein Projekt im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms. Was Sie brauchen, damit Ihnen ein Licht aufgehen kann, ist ein Navigationsgerät und viel Zeit. 60 Arbeiten, alle im privaten Wohnraum zwischengelagert, wollen entdeckt werden. Der Lichtkunst-Parcours schlängelt sich durch die bislang nicht als Kunststandorte aufgefallenen Gemeinden Bergkamen, Bönen, Freudenberg, Hamm, Lünen und Unna.

Gerade diese Konstellation betrachtete der Berliner Kurator Matthias Wagner K, ein ausgewiesener Lichtkunstexperte, als Herausforderung. Hybride Stadträume und fragmentarisierte Landschaften einer Region im Umbruch als besonderen Anreiz - das darf man durchaus unter Kuratorenlatein verbuchen. Interessanter, wenn auch nicht ganz neu, ist da schon der Ansatz, Öffentlichkeit und Privates zusammenzubringen: Deutschland privat, einmal anders ausgeleuchtet.

Nun heißt es also: Konkurrenz für Deckenfluter und Stehlampe. Die Kunst ist zu den Menschen gekommen und bringt Licht ins Dunkel der Privatsphäre. „Endlich ist mal was los“, freut sich die 82-jährige Frau Schmidt, in deren Hauswirtschaftsraum sich eine Arbeit von Joseph Kosuth versteckt. Aus Leuchtstoffröhren geformt liest man „Geschichte“, „Ganzheit“, „Kontext“, „Ort“, „Teile“, „Bedeutung“ zwischen Aktenordnern und Blumensteckschalen - und grübelt, ob man vielleicht hinters Licht geführt worden ist.

Die Arbeiten erscheinen zwar im neuen Licht einer Arztpraxis, eines Fitnessraums und einer Trauerhalle, in Küchen, Partykellern und Speichern, aber erhellend ist dies nicht immer. Olafur Eliasson und Tobias Rehberger zaubern gemeinsam mit einer Kugelprojektion Lampenschatten auf eine Wohnzimmerwand, Morellets Leuchtröhrenkette windet sich unterm Scheunendach, während Anny und Sibel Öztürks Erinnerungsarbeit einen Blick aus dem Fenster ihrer Großmutter in Istanbul nachstellt. „Ich sitze abends mit meinem Mann auf dem Sofa und betrachte die Projektion - statt fernzusehen“, ist Frau Grziwotz zufrieden mit der Wahl ihres Kunstwerks.

Falls der „Dialog von Kunst mit dem urbanen Leben“, den Matthias Wagner K vorantreiben möchte, nicht deutlich vernehmbar sein wird, könnte es passieren, dass nach der 1. Lichtkunst-Biennale, mit der diese periphere Region ins Scheinwerferlicht tritt, hier bald im doppelten Sinne die Lichter der Kultur ausgeschaltet werden - was an anderen Stellen der Kulturhauptstadt bereits die konkrete Planungsphase erreicht hat.

Der ehemalige documenta-Leiter Jan Hoet, der 1986 in Gent mit seiner Ausstellung „Chambres d’amis“ einen erfolgreichen Versuchsballon für öffentlich gezeigte Kunst in Privaträumen gestartet hatte, fungiert als Ehrenpräsident der Lichtkunst-Biennale.

Bis 27. Mai; Infos: Tel. 02303/ 256627, www.biennale-lichtkunst.de; täglich 10 bis 18 Uhr; Katalog 29 Euro. Es gibt auch Bustouren zu ausgewählten Stationen (Start Hbf. Unna). Tipp: Das Internationale Lichtkunstzentrum Unna ist das einzige Museum für Lichtkunst.

Von Ulrich Traub

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