Premiere im Kasseler Opernhaus: Edgar-Knecht-Trio und Pianist Aeham Ahmad spielen Songs für Frieden

Sie geben Leid und Hoffnung einen Ton

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Glücklich über Ovationen, die stehend gegeben wurden: Der syrische Sänger und Pianist Aeham Ahmad. 

Kassel. Als Moderator Markus Lanz ihn in seiner Talkshow vorstellte, sagte er über Aeham Ahmad, dass er zu jenen zähle, vor denen Menschen in Deutschland Angst hätten.

Denn Ahmad ist ein arabischer Mann. Jung. Flüchtling. Das war provokativ, und es wurde schnell klar, dass es nicht so einfach ist. Aeham Ahmad erzählte seine Geschichte. Davon, wie er auf den Straßen der zerbombten Stadt Jarmuk (Damaskus) Klavier spielte, um den Menschen mit Musik Hoffnung zu geben. Als die Terrormiliz Islamischer Staat im Frühjahr 2015 Jarmuk eroberte, floh der 29-Jährige über die Balkanroute nach Deutschland.Heute lebt Ahmad mit Frau und Söhnen in Wiesbaden. Seit ein Granatsplitter seine Hand verletzte, mag er sich nicht mehr Konzertpianist nennen. Doch: Er ist nicht verstummt, macht weiter Musik, gibt so den Menschen aus den Krisenregionen ein Gesicht. Den Hauch einer Ahnung von solchen herzzerreißenden Schicksalen und der Ausweglosigkeit der Menschen bekam man am Dienstag im Kasseler Opernhaus - ohne Pathos, mit Klang. Dort traten Aeham Ahmad und das Edgar-Knecht-Trio auf. Ein syrisch-deutscher Konzertabend.

Knecht, der bekannte Jazzpianist mit all seiner Virtuosität an dem einen, und Aeham Ahmad, der impulsive Klavierspieler aus Jarmuk, am anderen Flügel. Zwei Männer voller Leidenschaft. Jazzmusik voller emotionaler Kraft. Ein Abend, der auch ein Experiment ist, denn zum ersten Mal widmet sich das Trio arabischen Volksliedern. Die gibt es auf typische Knecht-Art auch schon mal mit erfrischend-lateinamerikanischem Rhythmus zu hören.

Sorgte für die passende Begleitung am Klavier: Edgar Knecht.

So dicht die Instrumente nebeneinander stehen, so nah scheinen sich die Musiker zu sein. Die große Sympathie ist fast greifbar. Dazu passend die fast unbändige Spielfreude von Tobias Schulte (Drums/Percussion) sowie der ausgleichend und klare Sound von Rolf Denecke (Kontrabass).

 Ein Abend, der nicht nur wegen der Geschichte Ahmads zutiefst berührt. Einer, der durch den Klang der eigens arrangierten Kompositionen, die sie „Folksongs for peace“ nennen, Verzweiflung und Hoffnung zugleich spürbar macht. Etwa, wenn Ahmad Lieder über das Leben im Lager singt, über Menschen, die flohen. Oder als er nach einem Song, den er mit klagend-verletzlicher Sprachimprovisation begleitet, von dem Mädchen Zeynap erzählt. „Sie saß in Jarmuk oft neben mir am Klavier und wurde von IS-Kämpfern in den Kopf geschossen. Das ist der Grund, warum wir hier sind.“ Als gemeinsames Statement spielen das Trio und Ahmad „Die Gedanken sind frei“.

Das Trio präsentiert auch drei neue, fesselnde Stücke. „Welturaufführungen“, nennt Knecht sie lächelnd (Premiere des neuen Albums ist am 3. Oktober im Opernhaus). Zum Abschluss, wie für das Trio üblich, ein Schlaflied. Das sangen einst die Mütter der beiden Pianisten - die eine auf Deutsch, die andere auf Arabisch.

Schon jetzt das bewegendste Konzert des Jahres - auch musikalisch herausragend. Zu schade für nur eine Aufführung. Laut Knecht haben schon andere Städte angefragt. Und doch kann man nicht von einem perfekten Abend sprechen, so lange es Menschen wie Aeham Ahmad gibt, die vor den Gräueltaten der Kriege fliehen müssen.

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