Der Künstler Christoph Büchel schenkt Kassel den „Pausenraum“ aus seiner Ausstellung im Fridericianum

Gedächtnis des Hausmeisters

Hier wird auch Kasseler Geschichte sichtbar: Blick in Christoph Büchels „Pausenraum“, der dauerhaft in Kassel bleiben wird. Foto: Herzog

Kassel. Hausmeister, sagt Rein Wolfs, Leiter der Kunsthalle Fridericianum, sind heimliche Chefs in Museen: „An denen muss man erst mal vorbeikommen.“ Im Hausmeisterbüro, das Christoph Büchel für seine spektakuläre Kasseler Ausstellung „Deutsche Grammatik“ im Herbst 2008 eingerichtet hatte, war zudem Kunstgeschichte sichtbar - mit Zeitungsausschnitten der documenta-Schlagzeilen von einst, einem Katalog im Müll oder dem Kittel einer Aufsicht der documenta 12.

Nach Ende der Schau wurde der „Pausenraum“ im Erdgeschoss zunächst einfach nur abgeschlossen. Für Büchel gehörte diese Installation in die documenta-Stadt, hier sollte sie bleiben: Jetzt hat er sie den Städtischen Kunstsammlungen geschenkt.

Die städtische Ankaufskommission habe beraten, ob sie das Geschenk annimmt, sagt Wolfs und spricht von einer „sehr wichtigen und für Büchel exemplarischen Arbeit“ sowie von einem „Kasseler Gedächtnis“. Oberbürgermeister Bertram Hilgen zeigte sich „sehr glücklich, froh und stolz“ und gab Anna Helwing von Büchels Galerie Hauser & Wirth den Dank an den Künstler mit auf den Weg nach Zürich. Er versprach, das Kunstwerk „gebührend zu behandeln und öffentlich zu zeigen. Dafür ist es da.“

Nach der aktuellen Thomas-Zipp-Ausstellung, die eine ähnlich grundlegende Verwandlung des Gebäudes vornimmt wie bei Büchel, wird der Pausenraum auf Anfrage für Besucher geöffnet. Im Herbst 2011 wandert er nach deren Sanierung in die Neue Galerie. „Wir selbst sind keine Sammler“, sagt Wolfs über die Kunsthalle, „sondern ein Betrieb, der Ausstellungen produziert.“

Für seine Schau hatte Christoph Büchel im Fridericianum unter anderem ein Fitnessstudio, ein Discounter, eine Spielhalle und eine Parteienmesse eingerichtet - lauter mögliche Alternativ-Nutzungen des Gebäudes - und so ein Abbild deutscher Wirklichkeit geschaffen. Der gebürtige Baseler, Jahrgang 1966, der überwiegend in Island lebt, bleibt selbst grundsätzlich unsichtbar, verweigert sich der Öffentlichkeit: Das Werk - diese Vermischung von Realität und Fiktion - soll für sich stehen. Man soll es nicht autobiografisch deuten.

Galeristin Anna Helwing skizzierte die Arbeitsweise des „manischen Sammlers“ als akribisch, präzise, bis ins kleinste Detail organisiert: „Nichts bleibt dem Zufall überlassen.“ Jede Zigarettenkippe, „Bild“-Zeitung, Kaffeetasse, alles ist extra genau so angeordnet. Sein Material bekommt Büchel von Haushaltsauflösungen, Ebay und Secondhand-Läden. Er schöpft aus einem „unglaublichen Arsenal an Fundsachen“ und montiert alles zu einer großen Fiktion - die trotzdem Wahrheit beinhaltet und wunde Punkte nicht ausspart: Im Hausmeisterbüro hängt ein Bild von Hitlers Schäferhund nahe einem Papst-Porträt.

Zurzeit stellt der Schweizer beim Festival „Glasgow International“ aus. Auch dort kreiert er Realität im Museum: Anhand von zwei Pubs stellt er die religiös anmutende Fußballleidenschaft der Rangers- und Celtic-Fans gegenüber.

Von Mark-Christian von Busse

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