Die Gedanken sind sehr frei: Das Edgar Knecht Quartett im Kulturzelt

Ideen- und Impulsgeber am Klavier: Edgar Knecht, der mit seinem Quartett im Kulturzelt spielte. Foto: Schachtschneider

Kassel. „Guten Abend, gute Nacht“, dieses Schlaflied von Johannes Brahms ist vielen in der Kinderzeit vorgesungen worden. Manchen ist diese Art des Singens längst fremd geworden, aber irgendwie ist das Lied noch da, tief in der Erinnerung vergraben. Was macht man damit?

Rolf Denecke, der Kontrabassist in Edgar Knechts Quartett, hat eine ganz persönliche Lösung gefunden. Er ersetzt die bekannten Harmonien komplett durch völlig fremdartige, die es den Zuhörern schwer machen, dem Melodieverlauf zu folgen. Was entsteht, ist eine seltsam verhangene Musik, eine Jazz-Ballade wie ein etwas unruhiger Traum.

Dieses „Wiegenlied“ war die letzte Zugabe beim umjubelten CD-Release-Konzert des Edgar-Knecht-Quartetts am Freitag im ausverkauften Kasseler Kulturzelt. „Dance on Deep Waters“ heißt das Album, mit dem Knecht sein Projekt fortsetzt, deutsche Volkslieder im neuen (Jazz-)Gewand zu präsentieren.

Erstaunlich, was sich der Kasseler Pianist, von dem die meisten Kompositionen stammen, alles einfallen lässt. Mal tauchen Melodien ganz oder in Motiven auf, werden klassisch-musikalisch verarbeitet wie in „Froh“ (Froh zu sein) vom Vorgänger-Album „Good Morning Lilofee“, mal werden Wendungen und Stimmungen aufgenommen wie in „Gedankenfreiheit“ (Die Gedanken sind frei) von der aktuellen Scheibe, das mit einem geheimnisvollen Perkussionsgetröpfel beginnt und sich zu einer heftigen Session steigert, der Knechts virtuose Zuspitzungen am Klavier den letzten Kick geben.

Was die Stücke (und damit den Abend) ausmacht, ist die Art, wie sich die Akteure - Edgar Knecht am Klavier, Rolf Denecke am Bass, Tobias Schulte am Schlagzeug und Stephan Emig an der Percussion (oder auch mal umgekehrt) - die Bälle zuspielen. Bei Edgar Knecht laufen zwar die Fäden zusammen, aber Deneckes poetische Bass-Fantasien, Emigs verrückte Percussion-Ideen und besonders Schultes präzise Energie- Einspeisungen sind nicht weniger wichtig.

Der Titel der CD „Dance on Deep Waters“ spielt auf das tiefe Wasser an, das die beiden Königskinder im Volkslied trennt. So weit vom Original wie dieser Titel entfernte sich das Quartett bei seinen zwei gespielten Versionen dieses Liedes auch musikalisch - und doch blieb die Idee davon in dem Spiel aufgehoben.

CD: Edgar Knecht: Dance on Deep Waters. Ozella (auch als Vinyl-Platte erhältlich).

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