Sebastian Baumgarten inszeniert „Dantons Tod“ von Büchner am Maxim-Gorki-Theater

Nur die Gedanken zum Stück

„Die Welt ist das Chaos“: Szene mit (von links) Anja Schneider, Philipp Hauß, Anne Müller und Ursula Werner. Foto: Drama

Berlin. „Let’ s talk about revolution“, spricht die Stimme aus dem Radiosender und gibt ein paar Eckdaten zur Geschichte bekannt. Der König ist tot. Es lebe die Französische Revolution. Wahrscheinlich würde man sonst nur schwer merken, worum es in Sebastian Baumgartens Inszenierung geht. Um Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ von 1835 und den „grässlichen Fatalismus der Geschichte“.

„Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“ Im Berliner Maxim-Gorki-Theater spielt der ehemalige Kasseler Oberspielleiter Sebastian Baumgarten (41) den Geburtshelfer. Man blickt in ein graffitibeschmiertes Underground-Verlies, in dem sich grölendes Revolutionspersonal tummelt. „Vomit and piss“ steht an die Wand gekritzelt und Soho. Das heutige Frankreich scheint anderswo zu liegen (Bühne: Thilo Reuther).

Die Protagonisten treten nicht mehr einzeln, sondern als Masse chaotisch skandierend in Erscheinung. Man spricht gern zu viert oder in Gruppen die Sätze Dantons. Dies allerdings unvollständig, wirr und zusammenhanglos. „Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen“ etwa fällt ganz unter den Tisch. Dafür dürfen alle acht Mitspieler wie Puppen auf die Bühne wanken.

Baumgarten inszeniert kein Stück, sondern seine Gedanken dazu. Die Vorlage dient als Steinbruch für wilde und manchmal auch poetische Assoziationen. Zwanghaft der Versuch, mit viel Pop-Musik-Untermalung (Andrew Pekler) und Video-Einspielungen heutiger Kriegs- und Krisengebiete (Stefan Bischoff) zu aktualisieren. Späßchen wie Rotwein- und Baguette-Verzehr oder Text-Ergänzungen à la: „Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt“, ergänzen das zwischen Ironie und Ernst pendelnde Panoptikum.

Dies volle zwei Stunden lang, Bedröhnung mit Gebrüll. Zwei Stunden, die sich schier zur Ewigkeit dehnen. Ex-Volksbühnenstar Kathi Angerer und Ursula Werner, aus Andreas Dresens Film „Wolke 9“ bekannt, assistieren ebenso wie die austauschbare Herrenriege Philipp Hauß, Wilhelm Eilers, Michael Klammer und Johann Jürgens.

Die schwarze Grundstimmung des melancholischen Stückes geht bei der Lautstärke, mit der hier Texte aufgesagt werden, unter. Schade, denn die schwarze Kathi als müder Danton, Held der Revolution, gepackt von der Einsicht ins Nichts, das wär’s doch gewesen. Doch Baumgarten scheint den Glauben an die Kraft von Sprache und Schauspiel verloren zu haben.

Wieder am 22.4. und 8.5., Karten: Tel. 030 / 20 22 11 15.

Von Andrea Hilgenstock

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