Neu im Kino: Das Dokudrama „Howl - Das Geheul“ rankt sich um einen Prozess gegen Allen Ginsberg

Ein Gedicht als Fanal der Freiheit

Kreativ: Allen Ginsberg (James Franco) findet mit seinem Werk großen Anklang. Foto:  Pandora

Sir, wirft der Literaturwissenschaftler dann doch ein wenig entnervt ein, „Poesie lässt sich nicht in Prosa übersetzen. Deshalb ist es ja Poesie.“ Der Mann sitzt im Zeugenstand und vor Gericht steht ein Gedicht. 1957 beschlagnahmten die Behörden in San Francisco 520 Exemplare des schmalen Gedichtbandes „Howl and other Poems“.

Ins Visier der Staatsanwaltschaft war Allen Ginsbergs Gedicht „Howl“ geraten, dem im sittenstrengen Nachkriegsamerika Obszönität vorgeworfen wurde. Die gerichtliche Auseinandersetzung über die Freiheit der Kunst hatte in der zu Ende gehenden McCarthy-Ära Signalwirkung und ebnete den Weg für die kulturelle Liberalisierung der Sechzigerjahre.

Den Prozess nehmen die Filmemacher Rob Epstein und Jeffrey Friedman zum Ausgangspunkt für ihren dokumentarischen Spielfilm „The Howl – Das Geheul“. Er beleuchtet die Biografie Ginsbergs ebenso wie das gesellschaftliche Umfeld dieser frühen Aufbruchsgeneration und geht dabei sogar dem Wesen der Poesie selbst auf den Grund.

James Franco spielt den jungen schwulen Dichter, der in einem rekonstruierten Interview aus seinem Leben berichtet. Parallel dazu wird vom Verlauf des obskuren Gerichtsverfahrens erzählt, in dem Ginsbergs kraftvolle Poesie auf die verdorrte Sprache der Juristen trifft.

Dazwischen blendet der Film immer wieder in einen verrauchten Kellerclub, wo der Dichter seine provokativen Verse selbst vorträgt, und visualisiert die assoziative Poesie in kunstvollen Trickfilmsequenzen.

Die Mixtur aus traditionellem Gerichtsdrama und experimenteller Animation funktioniert überraschend gut und verbindet sich zu einem lebendigen Porträt des Dichters, seiner Generation und der Engstirnigkeit jener Ära, gegen die sich Ginsberg mit saftiger Sprache und dem Mut zu einem unkonventionellen Lebenswandel auflehnte.

Ohne pathetische Posen zeigt der fantasievolle Doku-Spielfilm, dass die künstlerischen wie sexuellen Freiheiten, die heute in den westlichen Gesellschaften als selbstverständlich gelten, auch dort vor nicht allzu langer Zeit erst erkämpft werden mussten.

Genre: Dokudrama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

Von Martin Schwickert

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