In der Gedicht-Werkstatt: Aktionstheater Kassel mit „Schwitters reloaded“

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Mit Papiertüten auf dem Kopf: Nicole Jukic (von links), Axel Kretschmer, Werner Zülch, Kate Fierley, Timm Siering (der Schlager singt).

Kassel. Schon vor dem Einlass begibt sich das Publikum in eine Werkstatt. Die Darsteller sitzen aufgereiht am Tisch und zeichnen, kleben, stempeln, heften: Wenn die Klingel bimmelt, ist wieder eine knallig-bunte Eintrittskarte fertig.

Inmitten von meterhohen Lagerregalen mit allerlei Requisiten von Schreibmaschine bis Lebkuchenherz erweckt dann das Aktionstheater Kassel die Dada-Kunst des Kurt Schwitters zu buntem und witzigen Leben. Die ausverkaufte Premiere des von Helga Zülch entwickelten Projekts „Schwitters reloaded“ am Mittwoch wurde in der Halle von Dock 4 begeistert beklatscht.

Lucia Knäpper, Nicole Jukic, Kate Fierley, Axel Kretschmer, Werner Zülch, Timm Siering und Wolfgang Prier (als „Schieber“ fürs Umräumen zuständig) gaben den Gedichten des Sprach- und Collagemeisters Stimme und Gestalt.

Kate Fierley in hautfarbenem Unterkleid untermalte Textzeilen mit einer Klangwolke aus Schreibmaschinengeklapper, Werner Zülch sprachstolperte würdevoll durchs „Kleine Gedicht für große Stotterer“ und gab einem Fischgerippe die poetische Ehre, Lucia Knäpper ließ rezitierend den ganzen Körper auf Sprungfedern vibrieren, Timm Siering posaunte abgründig und Nicole Jukic sang ihre surrealen Schwitterszeilen mal poppig, mal opernartig und beeindruckte in einem marshmellow-artigen Riesen-Tutu (Kostümgestaltung: Natascha Hartung).

Der gut eineinhalbstündige Abend brauchte etwas Anlaufzeit, doch dann zogen die kraftvoll-poetischen Bilder, zog die Sprachkunst immer stärker in den Bann. Klug zusammengestellt gab es zwischendurch auch Prosa und einen scharfsinnigen Essay zum Unterschied zwischen Kitsch und Dilettantismus.

Der Titel vom „Onkel Heini“ mit den „krummen Beini“ artete vom Schlager mehr und mehr zur Volksfest-Grölhymne aus, Kamellen-werfend und mit braunen Papiertüten auf dem Kopf fuhren die Darsteller auf einem Hubwagen herum und boten das spektakulärste Gruppenbild.

Zu einem weiteren Höhepunkt wurde Axel Kretschmers „Die Raddadistenmaschine“, wo er den Text um eine fulminante KlangCollage aus Gerätschaften wie Brummkreisel, Blechbüchse, Gummihandschuh und Handstaubsauger anreicherte. Und am Ende blieb das Gefühl aus seiner Verszeile: „Plötzlich stehst du als neu frisierter Anti-Spießer wieder draußen.“

Wieder am 3., 4., 7., 8., 12.-15.11., Halle, Dock 4, Karten: 0561-773142.

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