Gefahr aus dem Netz: Burkhard Spinnen liest aus „Nevena“

Burkhard Spinnen Foto: dpa

Kassel. Eigentlich fehlt jemand auf dem Podium an diesem Sonntagmorgen, als Burkhard Spinnen in der Literaturmatinee im Kulturbahnhof seinen neuen Roman „Nevena“ vorstellt.

Denn die Vater-und Sohn-Geschichte, ein Roadmovie durch Bosnien und eine Reise durch virtuelle Welten, hat eben auch einen ganz und gar realen Ansatz: Caspar, der Sohn des vielfach ausgezeichneten Schriftstellers aus Münster, hatte sich beim Computerspiel „World of Warcraft“ in ein Mädchen aus Belgrad verliebt.

Doch später stellt sich heraus, dass sich hier ein 20-jähriger Student hinter dem Cover der jungen Frau versteckte. „Das war Auslöser für zahlreiche Gespräche zwischen uns, ich habe diesem Ansatz nachgespürt, und später bin ich zusammen mit meinem Sohn im Wohnmobil auf eine vierzehntägige Recherchereise gegangen“, erzählt Spinnen im Gespräch mit Moderator Florian Schwinn. Bücher entstehen eben auch so.

Ein junger Mann loggt sich ein und verschwindet in der virtuellen Welt. Daheim, nach dem langen Krebstod seiner Mutter, ist er einsam geworden. Er flüchtet in das Fantasy-Spektakel mit den Zornelfen und Barbaren und begegnet dort im Netz Nevena, einem Mädchen aus Belgrad. Erst als die junge Frau im Chatroom nicht mehr antwortet, vertraut Patrick sich seinem Vater Henner an.

Beide beschließen, das Mädchen zu suchen. Die Reise im Wohnmobil führt sie mitten hinein in die schreckliche Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens, hin zu den Städten vergangener Kriege und den Glaubensauseinandersetzungen. Zum Schluss trifft Patrick nicht ein Mädchen aus Belgrad, sondern eine junge Muslimin aus Mostar.

Im Netz wird gelogen, im Chatroom mit Identitäten gespielt, und die Selbstinszenierung gehört zum Computerspiel. Wie Spinnen in seinem Roman mit den verschiedenen Ebenen jongliert, ist das Hinreißende an diesem so neuen, modernen Roman. Hier wird über die Liebesgeschichte im Netz hinaus von einer Welt erzählt, in der Menschen, ob Väter, Söhne oder Töchter, nach ihrem Ich suchen und nach einer Welt ohne Kriege. „Die besten Reisen“, sagt der Schriftsteller Burkhard Spinnen, „sind jene, die Dinge zutage bringen, die man nicht gesucht hat.“

Von Juliane Sattler

Burkhard Spinnen „Nevena“, Roman, Schöffling & Co, 378 Seiten, 19,95 Euro.

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