Marina Baranova überzeugte beim Niestetaler Klavierfestival mit starkem Ausdruck

Gefühl und Charakter

Expressives Klavierspiel: Marina Baranova beim Klavierfestival in Sandershausen. Foto: Fischer

Niestetal. Die Stühle reichten kaum, um allen Besuchern einen Sitzplatz beim Auftaktkonzert des Internationalen Niestetaler Klavierfestivals zu bieten. Die Türen zum Vorraum des Gemeindesaals wurden geöffnet, damit die mehr als 200 Klavierfans der in Hannover studierenden und auch schon lehrenden Pianistin Marina Baranova (28) lauschen konnten.

Marina Baranova ist eine Ausdrucksmusikerin, die ihre enormen technischen Fähigkeiten in den Dienst der Interpretation, des emotionalen Eintauchens in die Stücke stellt. Ohne Anwärmphase (nicht nur wegen der hohen Temperaturen) kamen bereits die ersten Akkorde von Robert Schumanns „Faschingsschwank aus Wien“ mit enormer Präsenz, mit Kraft und Lockerheit.

Der dichte Klaviersatz wirkte transparent, und nach den sehr leisen und verlorenen Klängen der Romanze sowie dem dunkel rauschenden Intermezzo wuchs die Bewunderung für Baranovas eindringlichen, aber nie forcierten Schumann-Ton.

Eine Herausforderung für jeden Pianisten sind die Paganini-Variationen von Johannes Brahms. Marina Baranova vermied alles etüdenhafte, allein auf Technik gerichtetes Spiel, sondern machte jede Variation zu einem klanglich feinen Charakterstück und bewältigte souverän die gegenläufigen rhythmischen Schichtungen.

Auf die klanglich ebenfalls reizvolle, im Schlussteil aber technisch nicht ganz verlustfreie g-Moll-Ballade von Frédéric Chopin folgten Clara Schumanns innige Variationen über ein Thema von Robert Schumann, die vor dem sanften Verklingen mit virtuosen Arabesken aufhorchen lassen.

Eine musikalische Perle, die Marina Baranova durch ihre Kunst der Versenkung zum Glänzen brachte.

Mit Mut und einer klaren Interpretationsidee stürzte sich Baranova auf die abschließende „Rhapsodie espagnole“. Mit klanglicher Raffinesse beleuchtet sie das schlichte Hauptthema immer wieder neu. Ihren lockeren, dadurch klanglich reichen Anschlag behält Baranova bei, auch wenn’s technisch mal etwas eng wird, was bei diesem Liszt-Bravourstück das eine oder andere Mal der Fall war.

Die begeisterten Zuhörer erklatschten sich eine Scarlatti-Zugabe, die Baranova elegant und spritzig servierte.

Klavierfestival heute: Xiaohu Xing, Musikhochschule Weimar, spielt Beethoven (Sonate op. 101) und Schumann. Beginn 19.30 Uhr, ev. Gemeindehaus Niestetal-Sandershausen.

Von Werner Fritsch

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