Der Komponist Alban Berg wurde vor 125 Jahren in Wien geboren

Gefühle in Reihe

Alban Berg, im Jahr 1910 gemalt von seinem Kompositionslehrer Arnold Schönberg. Foto: picture alliance

Mit Frauen gab es viele Verwicklungen im Leben des Wiener Komponisten Alban Berg (1885-1935). Als Siebzehnjähriger wurde er ungewollt Vater, gab dies aber erst Jahre später zu. Kompliziert war sein Verhältnis zu Hanna Fuchs, seiner Prager Geliebten. Sein Kompositionsschüler, der Philosoph Theodor W. Adorno, wurde als Postbote zwischen ihr und Berg eingesetzt.

Seine Freundin Helene Nahowski heiratete Berg 1911 gegen den Willen seiner Eltern. Viele geben ihr die Schuld an Bergs frühem Tod. Er starb mit 50 Jahren an Heiligabend 1935. Helene Berg soll ein Furunkel ihres Ehemanns unsachgemäß aufgeschnitten und so die Blutvergiftung ausgelöst haben, die zu seinem Tod führte.

Berg starb, bevor er mit einer der schillerndsten Frauengestalten der jüngeren Literatur fertig war: Seine Oper „Lulu“ nach dem Doppeldrama von Frank Wedekind blieb unvollendet. Heute wird dennoch meist die vervollständigte Fassung gespielt, die der Komponist Friedrich Cerha nach Bergs Skizzen anfertigte.

Seine „Lulu“, die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer von Männern abhängigen schönen Frau, hat Berg nicht nur symmetrisch angelegt. Er hat das Werk auch in der von seinem Lehrer Arnold Schönberg entwickelten Zwölftontechnik komponiert. Das heißt, die gesamte Komposition basiert auf einer einzigen Reihe aller zwölf Töne der chromatischen Tonleiter und ihren Abwandlungen.

Das klingt schematisch, ist aber bei Berg geradezu Voraussetzung für seine besondere Art von Expressivität. Vielleicht kann man sagen, dass kein Komponist sensibler mit der Zwölftönigkeit umgegangen ist als Berg, ja, dass seine Musik ihre komplizierte Konstruktion verbergen will.

Berg könnte, was die Verfeinerung des Ausdrucks angeht, ebenso als letzter Spätromantiker gelten wie als ein Mitbegründer der musikalischen Moderne. Denn als solcher steht Berg heute zusammen mit Arnold Schönberg und Anton Webern („Wiener Schule“) in den Geschichtsbüchern.

Kaum ein Werk der Moderne klingt anrührender als Bergs kurz vor seinem Tod geschriebenes Violinkonzert. Auch dieses zweisätzige Werk steht in Beziehung zu einer jungen Frau. Berg komponierte es mit der Widmung „Dem Andenken eines Engels“ als Requiem für die 18-jährig an Kinderlähmung gestorbene Manon Gropius, die Tochter von Walter Gropius und Alma Mahler-Werfel.

Keine Frau, sondern ein Mann steht dagegen im Mittelpunkt von Bergs vielleicht bedeutendstem Werk: die historische Figur des wegen Mordes hingerichteten Johann Christian Woyzeck, die Georg Büchner zu seiner Dramenfigur „Woyzeck“ inspirierte.

Bei Berg heißen Figur wie Oper „Wozzeck“ - und hier gelingt Berg ein Wunder. „Wozzeck“, 1921 vollendet, gehört zu den Meisterwerken der Gattung Oper. Mit raffiniertesten kompositorischen Verfahren schafft Berg das beispielhafte Psychogramm eines armen und geschundenen Menschen. Dieser zutiefst menschliche Blick bleibt das Vermächtnis des heute vor 125 Jahren in Wien geborenen Komponisten.

Von Werner Fritsch

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