Paul Auster verquickt in seinem neuen Roman „Unsichtbar“ Intellekt und Action auf brillante Weise

Die geheimen Wünsche des anderen

Paul Auster Foto: dpa

Was für eine Zeit in Amerika! 1967. McCarty tot, Kennedy auch, Martin Luther King hat noch ein Jahr zu leben, Rassenunruhen und Vietnamkrieg. Sechstagekrieg, Putsch in Griechenland, das Kolonialsystem bröckelt. Lauter Initiationserlebnisse für junge Leute, die anders sein wollten im „Summer of Love“.

Paul Auster war 20, hatte die High School hinter sich, demonstrierte gegen den Krieg, wurde verhaftet, ging nach Paris und begann mit dem Schreiben.

Sein neuer Roman ist ein Erinnerungspuzzle, prall gefüllt mit Fragmenten jener Jahre, die sich vollkommen schlüssig einer vertrackten und dennoch gut nachvollziehbaren Konstruktion zuordnen. Es ist eines seiner besten Bücher, weil es die Qualitäten seines Schreibens voller Rasanz und Raffinesse bündelt und autobiografisch beglaubigt. Wieder ist Auster der Meister der Verquickung von Intellekt und Action, von alter und neuer Welt. Wieder rekonstruiert einer das Leben eines anderen, wobei die Ereignisse wie von Zufällen gesteuert scheinen. Zum Glück erspart er uns diesmal alle selbstreferenziellen Manierismen und gibt auch Pathos und Sentiment nicht allzu sehr die Zügel.

Alles hängt mit allem zusammen. Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ragt ins Heute, und wenn die Worte dafür gefunden sind, verändert das die Realität. Auster hat ein Urvertrauen in die Macht der Worte. Sie sind sein Treibstoff, mit dem er die Verwerfungen in Beziehungen herauspräpariert. Die geheimen Wünsche offenbaren sich in dem, was Menschen auf Papier hinterlassen: in Tagebüchern, Übersetzungen, Memoiren, Briefen, Romanfragmenten. Von Hass ist da die Rede, von Intrigen und sexuellen Abgründen.

Auch Adam Walker ist 20 im Jahr 1967. Seit zwei Jahren studiert er Literatur an der Columbia-Universität, da begegnet ihm Rudolf Born mit seiner attraktiven wie schweigsamen Partnerin Margot. Als Gastdozent referiert er über die Katastrophen der französischen Kolonialherrschaft, wobei er mit unorthodoxen, wilden Meinungen provoziert. Gerade hat er geerbt und bietet Walker einen Teil des Geldes an, um eine Literaturzeitschrift zu gründen. Auch seine Frau bietet er ihm an. Es kommt zu einer wilden Affäre, die in einer Katastrophe enden muss.

Immer wieder gibt es unverhoffte Wendungen. Das zuverlässige Eintreten des Unwahrscheinlichen wird zum Organisationsprinzip des Buches, das man nicht anders als gebannt lesen kann. Tabuverletzungen, Ungeheuerlichkeiten, Intrigen, Denunziationen, Spionage, Perspektivwechsel, Geheimnisvolles, Zynismen, Explosionen, Ortswechsel könnten einen Thriller ergeben, wollte Auster nicht noch mehr. In seinem groß angelegten, sich nie im Geschwätzigen verlierenden Verwirrspiel kommt er mit seiner faszinierend komponierten Menschenrevue so sehr unter die Oberfläche der Ereignisse, dass es vor Spannung knistert.

Paul Auster: Unsichtbar. Rowohlt, 316 S., 19,95 Euro. Wertung: !!!!!

Von Ulrich Steinmetzger

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.