Der großartige Pop des US-Sängers Sufjan Stevens

Geheimtipp vor dem Durchbruch

Mischt Elfenchöre mit Elektronik: Sufjan Stevens. Foto: nh

Spätestens seit der exzentrischen Lady Gaga gilt die Faustformel: Wessen Stimme im Pop-Ozean der musikalischen Vielstimmigkeit nicht ungehört untergehen soll, der sollte besser groß auffahren. Andererseits versöhnten zuletzt hervorragend ausgebildete Musiker wie Antony Hegarty, Owen Pallett und Joanna Newsom den schrillen Willen zur Übertreibung mit E- und U-Kultur gleichermaßen - und hatten viel Erfolg.

Und obwohl der 35 Jahre alte US-Sänger- und Multiinstrumentalist Sufjan Stevens in dieselbe Kerbe hohen musikalischen Anspruchs haut, gilt er immer noch als Geheimtipp, zumindest hierzulande.

Das sollte sich mit „The Age Of Adz“ ändern - dem größten Pop-Album des laufenden Jahres. Eine Einschätzung, die sich nicht so sehr der Gesamtspielzeit von 85 Minuten oder „Impossible Soul“, dem mit 25 Minuten längsten Song, verdankt. Sie hat vor allem mit Raffinesse des Songschreibens und der mäandernden Pracht der Sounds zu tun. Der New Yorker lotet die Grenzen des (Pop-)Songs neu aus, so wie es einst die Beach Boys taten und zuletzt Joanna Newsom.

Inspirieren lassen hat sich Stevens vom fantastischen Werk Royal Robertsons - ein Künstler, der an schwerer Schizophrenie litt und dessen Kunstwelten bevölkert sind von Monstern und Außerirdischen. Eine überbordende, zerbrechliche und in sich brüchige Welt ist das.

Stevens gelingt mit „The Age Of Adz“ das Kunststück, diese Welt hör- und fühlbar zu machen: Indem er fließende Bilderbögen von Songs fabriziert, von denen die meisten wiederum aus vielen Songs gleichzeitig bestehen. Indem er Elfenchöre, futuristische elektronische Sounds, beinahe tanzbare Beats, süffige klassische Arrangements, alles konterkarierende Dissonanzen, seine eigene engelsgleiche Stimme und vieles mehr in eins setzt, sodass ein überreicher, man möchte sagen: ein irrer Kosmos aus Zeichen und Verweisketten entsteht, dessen Anfang und Ende man nur erahnen kann.

Man darf diese CD durchaus als absichtsvollen Kommentar zur musikalischen Unübersichtlichkeit des Hier und Jetzt verstehen. Das Album treibt die Übertreibung selbst, mit geläufigen Pop-Maßstäben gemessen, in einen Zustand des beinahe Unermesslichen.

Sufjan Stevens: The Age Of Adz (Asthmatic Kitty Records / Soulfood). Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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