Patrick Kinmonth analysiert „Samson und Dalila“ in Berlin

Gehrock und Zylinder

Private Konflikte im Zentrum: Jose Cura als Samson und Vesselina Kasarova als Dalila. Foto: dpa

Berlin. Eine Frau und ein Mann. Sie nennt ihn Feigling. Er behält das Geheimnis seiner Kraft lieber für sich. Liebt er sie etwa nicht? Man kennt die Geschichte von Samson und Dalila, die Camille Saint-Saens in seinem gleichnamigen „Biblical“ verarbeitet hat. Doch Patrick Kinmonth interpretiert sie neu. Nicht Samsons Langhaar fällt, sondern der jüdische Aufständische, der den Verführungskünsten und Rachegelüsten der Philisterin Dalila erliegt, gibt seine Kraft in einem Akt der Vergewaltigung preis. Er ist buchstäblich verblendet.

Der britische Neu-Regisseur und Ausstatter, der 2008 sein Regiedebüt gab und sonst als Art Director, Schriftsteller, Maler und Designer unterwegs ist, frönt allerdings nicht plumper Aktualisierung. Er verlegt die Oper in ihre Entstehungszeit, 1875, und lässt sich von Freuds Psychoanalyse inspirieren. Ihn interessieren die privaten Konflikte der rätselhaften Protagonisten, denen er eine längere Beziehung mit Kind zuschreibt. Der Frage „Warum gibt es Krieg und Vernichtung“ spürt er auf subtile Weise im Individuellen nach.

So schneidet er nur bildlich die Zöpfe ab, auf dezent-geschmackvolle Art und Weise. Eine Langhaarmähne trägt José Curas viriler, im dritten Akt überaus berührender Samson nicht. Der Sänger kommt ohne Machoallüren aus und ist am Ende auch kein Selbstmordattentäter, der den Dagon-Palast zum Einsturz bringt. Nachdenklich, mit Zylinder und Spazierstock oder ohne, agiert er als Verteidiger seines Herren, des Judengottes Jehova, gewissermaßen überzeitlich.

Sachte geblendet wird das Volk im Parkett der Deutschen Oper Berlin, das angesichts der Schienen auf der Bühne und eines Bahnwaggons die Tragik des 20. Jahrhunderts mitdenken kann, ohne mit dem Holzhammer bedient zu werden. Im Schlafwagen sieht man Dalila stumm agieren, ansonsten zieht es Vesselina Kasarova magisch an die Rampe. Die bulgarische Starmezzosopranistin setzt jeden Ton wohl artikuliert und kalkuliert, kostet jede Phrase aus, zerpflückt jedes Wort. Dabei leidet das Legato, der große Bogen.

Ohne alles Grelle

Betörend sinnlich klingt ihre Dalila nie. Man vermisst den Atem des Unwiderstehlichen, der ja Samson erst sein Geheimnis entlockt. Nein, eine Verführerin ist sie nicht, dafür liegt ihr das Hochherrschaftlich-Herrische schon eher. Alain Altinoglu, Hoffnungsträger am französischen Dirigentenhimmel, hinterlässt ebenfalls einen zwiespältigen Eindruck. Sehr zart, aber wenig duftig oder exotisch flirrend hört sich seine Auslegung an, die alles Grelle klein hält. Das Oratorische dominiert.

Eines stellt dieser gepflegte Abend, der den Zuschauer geistig angeregt entlässt, unmissverständlich fest: Der Gott der Liebe ist das größte Rätsel.

Wieder am 2. und 5. Juni. Karten unter Tel. 030/ 34384343 und www.deutscheoperberlin.de.

Von Andrea Hilgenstock

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