Peter Gabriel hat seine Popsongs mit Orchester eingespielt

Wo Geigen leuchten

Geigen umgarnen Gesang: Peter Gabriel. Foto:  nh

Was hat Orchesterbombast in der Popmusik zu suchen? Wenig, denn er löst in aller Regel akuten Kitschalarm aus. Wenn man die Definition zugrunde legt, wonach es sich bei Kitsch um Kunsthervorbringungen handelt, deren Form größer ist als der Inhalt, wirken die meisten klassik-gepimpten Popsongs wie zahnerweichender Süßstoff.

Höchste Risikostufe also für Pop-Legende Peter Gabriel (61), den musikalischen Querdenker mit der sehnsuchtsvollen Stimme, der für sein neues Album erneut Popsongs mit Klassik-Mänteln umhüllt. Beim Vorgänger „Scratch My Back“ waren das Titel von Musikerfreunden, auf „New Blood“ sind es nun seine eigenen. Eine Infusion neues Blut injiziert er ihnen also auf dem Album, und bei einem musikalischen Könner wie ihm geht das in vielen Fällen nicht schief.

Denn „New Blood“ ist deutlich anzumerken, dass der Ex-Genesis-ler sich intensiv mit dem Stimmungskosmos seiner Lieder befasst hat und in den bekannten Songlandschaften nun neue Wege gehen will. Da erschließen sich viele neue Nuancen hinter den bekannten Melodien. An einigen Stellen aber rückt die großdimensionierte Streicherarmee den armen Liedern zu eng auf den schmalen Leib.

Toller Auftakt ist „Rhythm Of The Heat“ - schon im Original ein unvergängliches Werk - das hier einen Mittelteil mit knappen, trocken abgemischten Streicherakzenten im Stil Igor Strawinskys und Alexander Balanescus einfügt, und sich hypnotisch in dunkle Euphorie steigert.

„Darkness“ setzt Gabriels mal schmeichelnde, mal grummelnde Solostimme immer wieder gegen den knallig-orchestralen Tutti-Ausbruch. Nicht geglückt ist „Don’t Give Up“, bei dem Ana Brun viel zu zittrig den Gesangspart Kate Bushs übernimmt.

Sehr sonnig beleuchten die Geigen das hübsche „In Your Eyes“, das wegen der lieblichen Backgroundstimmen aber Abzüge in der B-Note bekommt. Die klingen doch sehr nach gefühliger Filmmusik.

In „Red Rain“ ist das Verhältnis von Singstimme zu Orchester besonders fein austariert, die Blechbläser mischen sich immer wieder kurz in die Konversation ein, die Streicher erzeugen eine flirrende Unruhe, die sich immer wieder aufbäumt.

Ganz laut drehen muss man den CD-Player für „A Quiet Moment“, wo Gabriels Tontechniker Dickie Chappell 4:48 Minuten lang Naturgeräusche zusammengestellt hat. Zartes Vogelgezwitscher, Meeresbrandung. Eine meditative Pause, nach der (mit dem Lautstärkeknopf noch im Anschlag) „Solsbury Hill“ desto vorwärtsdrängender losgroovt.

Federnd wie auf Sprungspiralen bilden die kurzen Streichermotive eine Basis für Peter Gabriels hier besonders zarten Gesang. „Had To Listen Had No Choice“ heißt es darin. Ich musste zuhören, hatte keine Wahl.

Peter Gabriel: New Blood (Emi), als Special Edition mit einer zweiten CD mit Instrumentalversionen. Wertung: !!!::

Von Bettina Fraschke

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