Geigenstar Tianwa Yang und Akademiestudierende widmeten sich Bachs Geheimnissen

Begeisterte im Museum für Sepulkralkultur mit Bachs berühmter „Ciaccona“: Geigerin Tianwa Yang. Foto: Fischer

Kassel. Das berühmteste Violinwerk Johann Sebastian Bachs (1685-1750) war Thema eines musikalischen Abends im Museum für Sepulkralkultur: die Ciaccona aus der Partita Nr. 2, d-Moll, BWV 1004.

Die Musikakademie hatte dafür nicht nur ihre prominenteste Dozentin, die chinesische Geigerin Tianwa Yang (28), und ein Ensemble von Studierenden aufgeboten, sondern auch die Düsseldorfer Musikwissenschaftlerin und Violinistin Prof. Helga Thoene zu einem Vortrag eingeladen.

Leider konnte die betagte Wissenschaftlerin krankheitsbedingt nicht erscheinen, so- dass Musikakademie-Direktor Dr. Peter Gries eine Zusammenfassung ihrer Erkenntnisse gab. In akribischer Forschungsarbeit hat Thoene in der Ciaccona verborgene Choralzitate (darunter „Christ lag in Todesbanden“ und „Vom Himmel hoch“), liturgische Textanspielungen und zahlensymbolische Botschaften aufgespürt.

Thoene erkennt in dem Stück eine Trauermusik („Tombeau“) für Bachs früh verstorbene erste Ehefrau Maria Barbara (1684-1720). Das Besondere: In einer Bearbeitung für Violine und Gesangsquartett hat sie die Choralzitate für die Zuhörer nachvollziehbar gemacht.

Höhepunkt des Abends war aber die Interpretation von Bachs Original durch Tianwa Yang. Aufbauend auf den gebrochenen Akkorden als Energiezentrum ließ sie die 32 Variationen in tonlich feinster Differenzierung und geigerisch perfekt erklingen und entfaltete auf bezwingende Weise die rhetorische Kraft des Stückes.

Eine reife Leistung boten dann auch Yangs Akademiestudentin Yana Kratsuskaya und die vier Vokalisten Jiyeon Jung, Vera Senkovskaja, Akihiro Nagaki und Ilyeol Park mit Helga Thoenes Bearbeitung. Tatsächlich fügen sich die Choralsequenzen auf verblüffende Weise in die Struktur des Werks ein.

Allerdings werden die weit über die Choralzitate hinausführenden Erkenntnisse Thoenes längst nicht von allen Wissenschaftlern geteilt. Für den renommierten Bach-Forscher Martin Geck ergibt sich aus den Analysen vor allem die Erkenntnis, „dass im Kosmos alles mit allem zusammenhängt“. Die „Zahlendeuter“ sieht er als Menschen, „denen die reine Schönheit der Musik nicht genügt“. Kaum zu glauben, dass jemandem, der Tianwa Yangs Spiel gehört hat, die Musik nicht genügend gibt. Rasender Beifall im überfüllten Museum. Ein Porträt der Geigerin steht im Lokalteil.

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