Violinstar David Garrett spielt auf seinem Klassik-Album „Legacy“ das D-Dur-Konzert von Beethoven

Ein Geiger beweist seine Klasse

Leider ist es noch immer so, dass ein Musiker, der sich als Popstar profiliert, leicht seinen Ruf in der Klassikszene verspielt. Dieses Schicksal ist auch dem Geiger David Garrett nicht erspart geblieben. Mit seinen Pop-Rockkonzerten und seinen Crossover-Alben begeistert er Millionen. Aber ein Musiker, der bei seinen Auftritten über seine Kindheit und seine Pubertätsprobleme plaudert, kann doch kein seriöser Musiker sein - glauben viele Klassik-Puristen.

Jetzt hat David Garrett (31) ein Album mit dem Titel „Legacy“ (Vermächtnis) herausgebracht, in dessen Zentrum das Violinkonzert D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven steht. Ein Paradewerk der Konzertliteratur, mit dem Geiger ihren künstlerischen Rang beweisen können. Um es vorweg zu nehmen: David Garrett braucht sich vor seinen prominenten Klassik-Kollegen nicht zu verstecken.

Wie intensiv sich Garrett mit diesem Werk auseinandergesetzt hat und wie sehr er sich auch mit anderen Interpretationen beschäftigt hat, offenbarte er in der jüngsten „Wetten, dass..?“-Sendung, als er mühelos Aufnahmen des Beethoven-Konzerts unterschiedlichen Interpreten zuordnen konnte.

Garrett selbst spielt das Beethoven-Konzert sehr geradlinig ohne jegliche Exzentrik, wenn man einmal von einigen überflüssigen Portamenti (angeschliffenen Tönen) absieht. Den ersten Satz spielt Garrett klar und bestimmt, seine große Ernsthaftigkeit teilt sich in jedem Takt mit. Die Wirkung wird dadurch verstärkt, dass das Londoner Royal Philharmonic Orchestra mit dem Dirigenten Ion Marin einen absolut schnörkellosen Orchesterpart abliefert.

Im Larghetto spannt Garrett weite Bögen und demonstriert seinen feinem Geigenton. Vergleicht man ihn mit dem britischen Geiger Nigel Kennedy, der als „Punk“-Geiger ebenfalls Crossover-Erfahrung hat, dann fällt bei Garrett eine gewisse Zurückhaltung auf. Kennedy langt kräftiger hin und traut sich, ruppiger zu spielen.

Beim Thema des Rondo-Schlusssatzes kehren sich die Verhältnisse um. Da wirkt Garretts Spiel gelöster, eleganter. An die Tonschönheit und den Nuancenreichtums einer Topspielerin wie Anne-Sophie Mutter kommen allerdings beide nicht heran.

David Garrett hat auf „Legacy“ noch eine Reihe weiterer Stücke eingespielt, neben einer Bearbeitung mit dem Titel „Rhapsodie auf ein Thema von Paganini“ auch mehrere Stücke des legendären Fritz Kreisler, darunter Variationen über ein Thema von Corelli und das berühmte „Liebesleid“.

Die Mischung von leichter Eleganz, Spitzigkeit und Melancholie dieser Stücke liegen Garrett besonders. Seinen Rang als seriöser Spitzengeiger hat er mit dem Beethoven-Konzert eindrucksvoll bewiesen, doch richtig befreit spielt er in den leichteren, unterhaltsamen Stücken auf.

David Garrett, Royal Philharmonic Orchestra, Ion Marin: Legacy. Decca. Wertung: !!!!:

Von Werner Fritsch

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