Geisterwesen tanzten: Wielands Choreografie „ich bin du“ in Kassel

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Gespenstisch wirkt es, wie die Tänzer beim Stück „ich bin du“ über einen weichen Teppichboden fliegen: (von links) Martin Durov, Michal Czyz, Laja Field, Shannon Gillen, René Alejandro Huari Mateus und Maureen Lopez Lembo.

Kassel. Menschen schweben durch den Raum, trudeln, fallen - alles immer wieder von vorn. Eingefangen sind sie in einem waagrechten und einem senkrechten schmalen Videostreifen.

Das Fallen als Endlosschleife. Drunten auf der Bühne des Kasseler Schauspielhauses, in dem klaustrophobisch dunklen Raum von Steph Burger formieren Tänzer sich zur Kampfmaschine. Geballte Aggression, hervorboxende Arme, bedrohlich.

Am Tanztheater Kassel hat ein Wechsel stattgefunden: Sechs neue Tänzer, drei aus dem bisherigen Ensemble und an diesem Abend zwei Gäste bilden die neue Compagnie. Keine einfache Aufgabe für Tanztheaterchef Johannes Wieland, der mit seinem neuen Stück im Schauspielhaus „ich bin du“ ein schwieriges Thema aufgreift. Wieland, der Denker, fragt nach der Identität, nach dem Selbst. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Ein Satz, der immer wieder in seinen interaktiven Choreografien zur Herausforderung wird. Denn der Tanztheaterchef spiegelt mit seinen Bildern die Welt, ihre Brüche, die Leere der Moderne.

Dabei setzt er zur Musik von Bert Kämpfert, Miles Davies, Béla Bartók und Nina Hagen (Soundedition: Donato Deliano) auf harte Wechsel, abrupte Schnitte, eine Momentaufnahmen-Dramaturgie voller Dynamik. Eben noch vereinen sich die Tänzer in verkitschten Posen zu einer Wohlfühlidylle, da bricht diese Illusion weg. Zwei Paare finden sich in Clashing-Duetten, ein harter, kompromissloser Kampf um Raum und Nähe. So viel Härte, so viel Kraft im Sprung, so viel Abwehr, die vier Tänzer Laja Field und Martin Durov, Shannon Gillen und Michal Czyz in Hochform, eine Meisterleistung des Kräftemessens.

Wechseln wir die Geschlechter. Seien wir ein anderer. Wenn sich Breanna O’Mara und René Alejandro Huari Mateus begegnen, beginnt das Identitätenspiel: Sie zwängt ihm ihr Kleid über den Körper und hängt ihm ihr langes blondes Haar über sein Gesicht. Ein Zwitter beide nun, wer ist wer? Für einen Moment der Stille finden sich zwei Körper im anderen. Ein starkes Bild.

Doch nicht alles erschließt sich so wie hier, Wieland überlässt dem Publikum die Deutung seiner Rätselbilder. Eine Gruppe der Avatare in hellgrünen Overalls und weißen Perücken (Kostüme: Evelyn Schönwald) verfängt sich in einem Kampf der Unbesiegbaren. Alles kleine Fluchten. Gespenstisch, wie der weiche Teppichboden jedes Geräusch, jeden Schritt schluckt - auch wenn die Compagnie stetig neue Linien durch den Raum zieht, Körperskulpturen baut. Es scheint, als ob Geisterwesen tanzten.

Im harten Lichtwechsel von Oskar Bosman weicht dann im zwingenden Schlussbild die weich gespülte Wohligkeit der Tänzer zum „Ich bin wie Du“-Song von Marianne Rosenberg einer Weltuntergangsmusik, bedrohlich anschwellend. Die Videobilder rasen jetzt durch den Raum. Tänzer fliegen in die Luft, wieder aufgefangen von der Gruppe. Vielleicht ein Bild der Versöhnung.

Der Kasseler Tanztheaterchef Johannes Wieland hat mit „ich bin du“ ein radikal-kompromissloses Stück auf die Bühne gestellt, getragen von einer düsteren Weltsicht: „It’s not my mind, it’s not my brain, it’s not my language, it’s not my religion“ - Sätze wie ein Mantra, der Mensch als Heimatloser, als Suchender. Stürmischer Applaus des Publikums zur Premiere im Schauspielhaus.

Wieder am 15. und 23.11., Kartentel.: 0561/1094222.

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