Das neue Album von Wilco: „The Whole Love“

Roh und gekocht

Es wird gerockt. Und experimentiert. Auf „Art of Almost“, dem bemerkenswerten Eröffnungsstück des achten Wilco-Albums, „The Whole Love“, passiert beides und noch mehr.

Aus dem rhythmischen Fundament hübsch vertrackter elektronischer Bass-Grooves und Schlagzeug-Beats schlängelt sich eine kleine, zunehmend druckvollere synthetische Spannungskurve, die ihren ersten Höhepunkt mit dem Crescendo dissonant gespielter Streicher erklimmt. Dann wird jäh die Soundbremse gezogen, und aus einer Lauerhaltung heraus erklingt Jeff Tweedys typischer Americana-Gesang.

Die herzzerreißende Traurigkeit seiner jungenhaft hellen Stimme absorbiert alle Aufmerksamkeit. Die Rhythmussektion gewinnt erneut an Macht, und irgendwann explodiert der Song: Gitarren jaulen auf, am Ende ist alles Kraut-rock. Verblüffend, aber keineswegs untypisch fürs Album.

16 Jahre Wilco - und noch immer langweilt diese tolle Alternative-Countryrockband aus Chicago kein bisschen. Dass Wilco auf dem Weg von einer waschechten (Neo-)Folk-Band zur Progrock-Country-Gruppe manchen frühen Fan auf der Strecke ließen - geschenkt. Stillstand ist der Tod.

Die Vorgängeralben „Sky Blue Sky“ (2007) und „Wilco (The Album)“ (2009) zeugten von Tweedys Bedürfnis nach Ruhe und Harmonie. „The Whole Love“ nun schlägt Mehrwert aus lauteren Tönen und einer dynamischen Variabilität. Vom betörenden Spät-Beatles-Song über robuste Southern-Rocker bis zur klassischen, satte zwölf Minuten währenden Americana-Schunkelballade „One Sunday Morning“ reicht das Programm. Das Rohe und das Gekochte: Wer Gegensätze so geschmackvoll zu verbinden weiß, hat’s einmal mehr geschafft.

Wilco: „The Whole Love“ (Anti/Indigo), Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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