Gelenkte Presse: Ausstellung über Zeitungen im Nationalsozialismus

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„Am Mittwoch Generalappell der Partei im ganzen Reich“: Soldaten lesen die Schlagzeile der „Nachtausgabe“ aus dem Scherl-Verlag. Das Titelblatt der Zeitschrift „Die Woche“ zeigt das nach dem „Anschluss“ Österreichs erweiterte Deutsche Reich.

Berlin. Natürlich werde die Presse „geschurigelt“, notierte Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, 1943 im Tagebuch. Das werde auf Dauer „sehr üble Folgen“ für den journalistischen Nachwuchs haben.

„Denn ein Mann, der noch ein bisschen Ehrgefühl besitzt, wird sich in Zukunft schwer hüten, Journalist zu werden.“

Die Presse im Nationalsozialismus – dieses Thema stellt die Stiftung Topographie des Terrors erstmals in einer Ausstellung dar, und zwar genau dort, wo mitten in Berlin vor dem Krieg das Herz des Zeitungsviertels schlug. Über 3000 Zeitungen gab es 1933, eine Zahl, die sich im Dritten Reich auf 975 verringern sollte, 80 Prozent davon vom parteieigenen Eher-Verlag kontrolliert.

Die Lenkung der Medien, auch durch „Tagesparolen“ auf der Reichspressekonferenz, stellt Kuratorin Judith Prokasky anhand von zwei Fallbeispielen dar, dem Reichsparteitag 1935 und der „Sportpalastrede“ 1943. Eine Vielzahl von Zeitungen, vom Kampfblatt „Der Angriff“ über die Wochenzeitung „Das Reich“ bis zur „B.Z. am Mittag“ des „arisierten“ Ullstein-Verlags, wird vorgestellt, die Besucher können in Faksimiles blättern.

Auch Kompetenzstreitigkeiten zwischen Goebbels und den für die Presse zuständigen NSDAP-Reichsleitern, Wehrmacht und Außenministerium werden erläutert - gerade weil sie zu Pannen und Friktionen führten. Aber auch unterschwellig hatten Zeitungen propagandistische Wirkung, wo die Ideologie in den Alltag sickerte, in die Lokalteile, Sport und Unterhaltung. Zu viel offensichtliche Gleichschaltung führte umgekehrt zur Verödung, die Uniformierung wirkte unglaubwürdig. Gefragt wird deshalb, inwiefern es – etwa bei der bürgerlichen „Frankfurter Zeitung“, einem Aushängeschild fürs Ausland – Spielräume, Refugien und Nischen gab, inwieweit Leser Manipulationen durchschauten, Kritik „zwischen den Zeilen“ wahrnahmen.

Zeitungsleser Erich Kästner: Der Schriftsteller spottete in seinem heimlichen Tagebuch, der „Völkische Beobachter“ rufe zu „Heroismus“ auf, die Regierung biete aber keine Wunderwaffen.

Besonders spannend ist die Ausstellung, wo sie sich mit Brüchen und Kontinuitäten, mit Widerstand und Kollaboration einzelner Journalisten beschäftigt. Etwa bei Werner Höfer, der mit seinem „Internationalen Frühschoppen“ in der ARD demokratische Debattenkultur vermittelte. Im „12 Uhr Blatt“ hatte er 1943 die Hinrichtung des Pianisten Karlrobert Kreiten, der Zweifel am „Endsieg“ geäußert hatte, als „strenge Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers“ gerechtfertigt. Karikaturist Erich Ohser, der als e.o.plauen „Vater und Sohn“-Comics veröffentlichte, spottete über fürstliche Honorare für Goebbels’ Leitartikel, sollte vor den Volksgerichtshof gestellt werden und nahm sich in der Haft das Leben. Paul Karl Schmidt, Pressechef im Außenministerium, SS-Obersturmbannführer, betrieb nach dem Krieg als Paul Carell in Büchern und als Journalist Wehrmachts-Verherrlichung. Herbert Reinecker hielt 1945 im SS-Blatt „Das Schwarze Korps“ die NS-Idee für unbesiegbar. Er wurde als Drehbuchautor („Derrick“) berühmt.

www.topographie.de

Die Besatzungsmächte ordneten die Medien nach dem Krieg wirtschaftlich-organisatorisch vollständig neu, stellt Bernd Gäbler im Katalog fest: „In die neuen Schläuche aber floss viel alter Wein.“

Von Mark-Christian von Busse

Bis 20. Oktober, Niederkirchnerstraße 8, Katalog: 14 Euro

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