Lebendige Inszenierung mit guten Darstellern

Generationen-Club des Staatstheaters überzeugt mit Fassbinder-Stück

+
Noch ist die Stimmung fröhlich: Natascha Dummer (von links), Sophia Formann, Peter Lüchtemeier und Silvio Peer.

Kassel. Wie ein Außerirdischer wird er angeglotzt: Jorgos, Grieche, gerade in eine namenlose Kleinstadt gekommen, um als Billigarbeiter in einer Wundertütenfabrik zu schuften.

Sogleich bekommt er zu hören: „Was willst du hier? Wer bist du überhaupt?“ „Katzelmacher“ heißt das dritte Bühnenstück von Rainer Werner Fassbinder (1945-1982). Die Filmversion brachte ihm 1969 den künstlerischen Durchbruch. 

Der Generationen-Club des Staatstheaters Kassel unter der Leitung von Thomas Hof hat das Stück des charismatischen Exzentrikers am Sonntag im ausverkauften tif auf die Bühne gebracht. Worum es geht? Grob gesagt um eine Gesellschaft, die ihre Ängste auf jene projiziert, die nicht zum vertrauten Umfeld gehören.

Die Inszenierung beginnt mit aktuellem Bezug und schon im Foyer: „Asylanten kommen in die Stadt“, ruft einer, und im Chor kommt zurück: „Wir müssen eigentlich helfen.“ Im Bühnenraum warten auf die Besucher statt der Tribüne Tische, darauf stehen Getränke und Brezeln. Auch viele Darsteller nehmen dort Platz - Publikum und Darsteller als Gesellschaft: einige aktiv, die anderen schauen zu.

Musik dröhnt aus den Boxen (Ausstattung: Brigitte Schima). Die Darsteller springen auf, tanzen. Plötzlich bricht die Musik ab. Jorgos (hier gleich dreifach besetzt), hat den Raum betreten. Kritik und Ablehnung folgen. Als er ein Verhältnis mit einer der Frauen aus der Gemeinschaft eingeht, unwichtig, dass sie ihn verführt hatte, schlägt die Stimmung in Hass und Brutalität um: „Der muss weg.“ Fast gleichzeitig formieren sich die Akteure und singen: „Kein schöner Land.“

Fazit: Eine lebendige Inszenierung. Die gut aufgelegten Darsteller wirbeln mal zwischen, mal auf Tischen, agieren als schonungslos dekadente Gesellschaft. Da das alles inmitten der Besucher stattfindet, liegt die Botschaft nah: Zu einer solchen Gesellschaft könnten wir alle gehören. Lang anhaltender Applaus.

Mitwirkende

Es spielten: Annika Damm, Angelika Wolnarek, Christine Goedecke, Heide Lorenzen, Jelena Maijere, Kathrin Brzezina, Moana Kraft, Mona Zeubner, Natascha Dummer, Rena Marsch, Sabine Stagneth, Sonja Yankey, Sophia Formann, Uschi Langenberg, Hartmut Lebrecht, Peter Lüchtemeier, Silvio Peer, Steffen Viehmeier und Wolfgang Sucher.

Von Steve Kuberczyk-Stein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.