Der Rosenzweig-Gastprofessor Jakob Hessing hielt seine Antrittsvorlesung

An der Generationenschwelle

Prof. Dr. Jakob Hessing Foto: Fischer

Kassel. Er ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller und hat auf beiden Feldern sein Lebensthema, die deutsche und deutsch-jüdische Literatur, bearbeitet. Doch Prof. Dr. Jakob Hessing (66) von der Hebräischen Universität Jerusalem, der in diesem Jahr die Franz-Rosenzweig-Professur der Universität Kassel innehat, gehört einer jüngeren Generation an als diejenigen, für die diese Gastprofessur zum Gedenken an Kassels größten jüdischen Sohn, den Religionsphilosophen Franz Rosenzweig, eingerichtet wurde.

Sie ist den von den Nationalsozialisten vertriebenen Philosophen, Geistes- und Sozialwissenschaftlern gewidmet. Er jedoch befinde sich „an der Generationenschwelle“, sagte Hessing in seiner Antrittsvorlesung, die er unter das Thema „Die deutsch-jüdische Literatur als traumatisierte Erinnerung“ gestellt hatte. Er und sein Vorgänger Moshe Zimmermann seien die ersten Rosenzweig-Professoren, die nach dem Krieg sozialisiert wurden.

In einem Versteck in der Nähe von Lyssowce in Polen geboren, wuchs Hessing nach dem Krieg in Berlin auf, wohin seine Eltern nach der Befreiung gezogen waren. 1964 emigrierte er nach Israel, wo er Englische Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft studierte. Von 2004 bis 2006 leitete er die Germanistische Abteilung der Universität Jerusalem.

Er lese die deutsche Literatur als traumatisierte Erinnerung. „Meine ganze Existenz als Professor verdanke ich dieser Ambivalenz“, sagte Hessing. Deren Theoretiker sei vor allem Sigmund Freud, der den Begriff der Verdrängung prägte. Therapie und Ausweg könne nur sein, „das Exil in Heimat zu verwandeln“.

Als literarisches Beispiel zitierte er Heines Ballade „Belsazar“ und interpretierte sie im Vergleich zu der biblischen Vorlage im Buch Daniel. Heine, Lessing, Lasker-Schüler sind auch Themen der zwei Seminare, die Hessing in diesem Semester anbietet. • Von „Nathan der Weise“ zu „Jakob der Lügner“ (mittwochs, 16-18 Uhr) • Deutsch-jüdische Lyrik. Heinrich Heine - Else Lasker-Schüler - Paul Celan (donnerstags, 14-16 Uhr, beide Vorlesungen Kurt-Wolters-Str. 5, Raum 0019).

Von Claudia v. Dehn

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