Komposition des Nordhessen Stephan Peiffer auf dem Kirchentag: Die Oper „Vom Ende der Unschuld“

Geniales Werk eines jungen Meisters

Intensive Szene: Germa (Sopranistin Julia Henning) auf ihrer Hochzeit mit dem Verführer Drako. Foto:  Kirchentag/ nh

Hamburg. Taugt Dietrich Bonhoeffer zum Opernhelden? Der 1906 geborene protestantische Theologe und Pastor, der Widerstandskämpfer und Märtyrer im Nationalsozialismus, der in einer schlimmen Zeit Richtiges getan hat? Gerhard Robbers antwortete mit beherztem „Ja“ und gab als Präsident des Evangelischen Kirchentages beim jungen nordhessischen Komponisten Stephan Peiffer eine Oper in Auftrag, die nun in Hamburgs Kulturfabrik Kampnagel Uraufführung feierte.

Der 27-jährige Peiffer stammt aus Volkmarsen (Kreis Waldeck), lebt in Niederurff (Schwalm-Eder-Kreis) und studierte an der Hamburger Musikhochschule. Es ist verblüffend, mit welcher Sicherheit und welchem Gespür der junge Meister nun an die unerhörte Herausforderung heran-gegangen ist, eine Oper über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und das Denken und Handeln des hellsten Helden jener Zeit zu schreiben. Peiffer macht sich genialisch das Material von 400 Jahre Musikgeschichte gefügig, bewegt sich traumwandlerisch auf den Pfaden der Tradition.

Seine Stilsynthese wirkt in jedem der ständig wechselnden Takte authentisch: Der Anti-Avantgardist bedient sich der expressiven Wucht eines Richard Strauss, der veristischen Schärfe und melodischen Direktheit eines Puccini, der Verfremdungsironie eines Schostakowitsch, der Melancholie eines Mahler-Liedes, aber auch der frommen Innigkeit eines Heinrich Schütz.

Und doch ist Peiffer stets unüberhörbar bei sich. Die Wirkungsmacht, sehr bewusst auch das Verführungspotenzial von Musik, bringt er intensiv zum Ausdruck.

Aus drei weiteren Gründen ist aus der Oper „Vom Ende der Unschuld“ packendes Musiktheater geworden. Die Librettisten Teresita Colloredo und David Gravenhorst umschiffen klug die Untiefen einer Historienoper über das Dritte Reich, indem sie in klarer schlichter Sprache und linearem Erzählstil eine fiktive Parabel über Widerstand und Ergebung schreiben.

Kirsten Harms und Bernd Damovsky stellen die Geschichte in kitschfreien starken Bildern auf die Bühne, auf der eine Idealbesetzung agiert: Ferdinand von Bothmer gibt der Bonhoeffer nachgezeichneten Hauptfigur Heman mit aristokratischem Lohengrin-Tenor intellektuelles Charisma. Krzyztof Szumanski als bassbaritonaler Bösewicht Drako besitzt den virilen Charme des geborenen Verführers.

Auch die Hamburger Camerata und die Chöre der Hauptkirche St. Nikolai klingen überwältigend: Dirigent Matthias Hoffmann-Borggrefe ist das musikalische Kraftzentrum der spannungsprallen Produktion.

Von Peter Krause

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