Popstar des Jazz: Roberto Fonseca und Band im Kulturzelt

Popstar des Jazz: Roberto Fonseca und Band im Kulturzelt

Lässig: Roberto Fonseca - hier im Kasseler Kulturzelt - würde auch in der HipHop-Szene bestehen. Foto: Schachtschneider

Kassel. Genau einen Song benötigten der kubanische Pianist Roberto Fonseca und seine Band am Donnerstagabend, um den Konzert-Motor auf die optimale Drehzahl zu beschleunigen.

Beim Starten verstopfte eine penetrante Frequenz des Synthesizers das Soundgefüge, die Lüftung des Kulturzeltes nörgelte sich noch aus und Fonseca stocherte etwas lustlos in pentatonischen Banalitäten herum. Doch dann folgte ein Hochgeschwindigkeits-Aufwärmprogramm für alle Mitarbeiter. Schon schnurrte der Afro-Kuba-Bolide wie ein geölter Blitz.

Was im Stück „80’s“ noch recht normal als virtuos gespielter Fusionjazz um die Ecke kam, entwickelte sich im Laufe des Abends zu einem gigantischen Spektakel auf spieltechnisch höchstem Niveau, bei dem der Austausch kultureller Komplimente nie ohne doppelten Salto und dreifache Schraube vonstatten ging. Manchmal rotierten die solistischen Partikel wie Watte in einer rhythmischen Zentrifuge, schwerelos, ziellos und doch plötzlich synchron an einem Punkt erscheinend, an dem sich alle verabredet hatten.

Fonseca verstand sich nicht nur auf Monologe, sondern suchte auch den intensiven Kontakt zu interessanten Diskussionspartnern. Die fand er in dem aus Mali stammenden Baba Sissoko (Ngoni, Djembe, Talking Drum), dem kubanischen Drummer Ramsés Rodríguez und dem Percussionisten Joel Hierrezuelo. Allesamt Meister ihrer Zunft und in ihren Beiträgen nicht minder aussagekräftig wie ihr Herdenführer. Dagegen forderte er von dem Gitarristen Jorge Chicoy und Yandy Martinez am Bass Autonomie in ihrer Improvisationsgestaltung.

Doch Fonseca ist viel mehr als ein hervorragender Komponist und Musiker. Er ummantelt sein Spiel mit der Aura eines Popstars. Aufreizend lässig skatet er über die Tatstatur, sein Armschmuck würde auch in der HipHop-Szene bestehen. Die Aufforderung, dass das Publikum bitte den Wunsch nach Zugaben in Stadion-Lautstärke vorbringen sollte, kennt man eher von Mick Jagger als von einem Jazzpianisten. Doch wer so kreativ und selbstbewusst seine Tradition in die Neuzeit katapultiert und weiterentwickelt, dem müsste man den roten Teppich ausrollen, selbst wenn er mit Badehose die Bühne betreten würde. Großer Applaus.

Von Andreas Köthe

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