Von gequälten Tieren und leckeren Pflanzen: Schriftstellerin Karen Duve über ihr Ernährungs-Experiment

Zum bewussteren Essen will Karen Duve („Taxi“) mit ihrem neuen Buch verführen. In einem aufwendigen Selbstversuch hat sie Fertiggerichte, Schokolade und Cola gestrichen und sich ein Jahr lang vegetarisch, vegan und frutarisch ernährt.

Sie befreite Tiere und klärt über Konsequenzen der Massentierhaltung auf. Die Erfahrungen hat sie in „Anständig essen. Ein Selbstversuch“ mit dem ihr eigenen knochentrockenen Humor aufgeschrieben.

Wie hat man auf Ihren Versuch reagiert? Wurden Sie als ideologischer Spinner abgetan?

Karen Duve: Dass die Reduzierung unseres Fleischkonsums keine wirre Idee fanatischer Tierrechtler ist, sondern eine dringend gebotene Notwendigkeit, wenn wir es noch eine Weile auf diesem Planeten aushalten wollen, hat sich inzwischen herumgesprochen. In meiner frutarischen Phase allerdings wurde ich tatsächlich viel belächelt und bemitleidet. Ein Frutarier ist ein Mensch, der nur Pflanzenteile isst, für die eine Pflanze nicht verletzt oder getötet werden muss, also Früchte, Gemüsefrüchte, Nüsse und Samen. Aber ich habe nicht nur Frutarismus ausprobiert, sondern war auch je zwei Monate lang Bio-Konsumentin, Vegetarierin und Veganerin.

Vorher fühlten Sie sich als Wrack. Sie tranken bis zu zwei Liter Cola, ernährten sich von Schokolade und Fertiggerichten. War Ihnen bewusst, wie ungesund Sie aßen?

Duve: Nein. Erst als ich Buch führte, musste ich mir eingestehen, dass ich mich nicht nur ethisch gesehen, sondern auch was meine Gesundheit betraf, katastrophal ernährt habe.

Ist der Verbraucher mit daran schuld, dass Tiere für die Fleischindustrie keine Lebewesen, sondern Teil einer Maschinerie sind?

Duve: Natürlich. Massentierhaltung gehört zu den wenigen Missständen in der Welt, die man ganz leicht verbessern kann, weil man direkt daran beteiligt ist. Man muss nicht einmal etwas tun, sondern bloß etwas sein lassen. Wenn man alle zwei Wochen ein Grillhähnchen gegessen hat und damit aufhört, sind das 26 Hähnchen weniger, die durch ihren Kot humpeln müssen und unter grausamen Bedingungen geschlachtet werden.

Tiere in der Bio-Landwirtschaft haben ein vergleichsweise naturnahes Leben. Können Sie das unterschreiben?

Duve: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Tier ein halbwegs anständiges Leben gehabt hat, ist bei Bio-Fleisch deutlich größer, aber nicht garantiert. Letztlich hängt das mehr vom Engagement des Landwirts ab als von der Zertifizierung seines Hofes. Wenn man sichergehen will, dass kein Tier gequält wird, isst man am besten gar kein Fleisch. Die nächstbeste Möglichkeit ist, sich selbst anzusehen, wie die Tiere dort, wo man sein Fleisch kauft, gehalten werden.

Versagt der Tierschutz?

Duve: Ganz egal, welche Verbesserungen man einführen wird - größerer Auslauf oder besseres Futter -, es wird sich bei Hühnern immer um Tierquälerei handeln. Die Anzahl ist das Hauptproblem. Hühner können nicht mehr als 30 oder vielleicht 50 Artgenossen auseinanderhalten. Wenn mehrere tausend Hennen zusammengesperrt werden, können sie die Rangfolge nicht klären und hacken ihr Leben lang aufeinander ein. Das ist, als ob man sein Leben unter 3000 Fremden verbringen muss, deren Sprache man nicht spricht, deren Gesten man nicht begreift und die einem ständig die Ellbogen in die Seite rammen.

Was macht die Massentierhaltung mit den Menschen?

Duve: Um mit den Grausamkeiten in der Massentierhaltung oder in Schlachthöfen zurechtzukommen, töten die Menschen oft jedes Mitgefühl für Tiere in sich ab. Dazu kommen die schlechten Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, kaum zu bewältigender Akkord, Nachtschichten. Ihren Frust lassen die Arbeiter mitunter wiederum an den Tieren ab und sind manchmal grausamer, als es ihr Job ihnen ohnehin abverlangt.

Karen Duve: Anständig essen. Ein Selbstversuch. Galiani Berlin, 280 Seiten, 19,95 Euro.

Zur Person

Die gebürtige Hamburgerin Karen Duve (49) ist seit 1990 freie Schriftstellerin, nachdem sie eine Ausbildung zur Steuerinspektorin abgebrochen und 13 Jahre als Taxifahrerin gearbeitet hatte. Ihre Erfahrungen flossen ein in den Roman „Taxi“, der 2008 für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Weitere Werke: „Im tiefen Schnee ein stilles Heim“, „Regenroman“, „Dies ist kein Liebeslied“. Duve lebt auf einem Hof mit Tieren, darunter Huhn Rudi, im brandenburgischen Ringenwalde (Märkisch-Oderland).

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