Philip Roth verurteilt in „Die Demütigung“ einen Schauspieler zum Scheitern

Geradeaus ins Verderben

Zwei kurze Sätze eröffnen Philip Roths Novelle „Die Demütigung“: „Er hatte seinen Zauber verloren. Der Impuls war erloschen.“ Simon Axler, Amerikas gefeierter Bühnenschauspieler, kann nicht mehr spielen: „Sein Talent war tot.“

Dem 65-jährigen Theaterstar, einem stattlichen Mann, zieht es den Boden unter den Füßen weg: Seine Frau Victoria, eine Tänzerin, verlässt ihn und zieht zum drogensüchtigen Sohn nach Kalifornien. Axler selbst lässt sich in eine psychiatrische Klinik einweisen - ein Mann am Nullpunkt.

Doch das ist noch nicht der Höhepunkt der Demütigung, die Philip Roth auf 138 Seiten in eisiger Konsequenz durchspielt. Der langjährige Nobelpreis-Kandidat, der heute seinen 77. Geburtstag feiert, folgt auch in der zweiten von fünf geplanten Novellen einem Satz Friedrich Dürrenmatts, wonach eine Geschichte dann zu Ende erzählt ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.

In der ersten Novelle, „Empörung“, war es der jüdische College-Student Marcus Messner, der schließlich in die Armee und den Kriegstod in Korea getrieben wurde. In „Die Demütigung“ gibt sich der Schauspieler Axler am Ende selbst einen Theatertod. Wie die Figur des Konstantin Gawrilowitsch aus dem Tschechow-Stück „Die Möwe“ zieht er die Konsequenz aus seinem Scheitern in der Kunst und in der Liebe.

Den endgültigen Schlag versetzt dem einst stolzen Mann nämlich das Scheitern einer seltsamen Liebesbeziehung: Pegeen, die 40-jährige Tochter eines befreundeten Paars, taucht eines Tages in seiner Zurückgezogenheit auf. Enttäuscht von ihrer lesbischen Beziehung zu einer Frau, die beschlossen hat, ein Mann zu werden, will Pegeen mit dem wesentlich älteren Axler neu - und diesmal heterosexuell - anfangen. Axler beginnt aufzublühen, doch viele Anzeichen deuten darauf hin, dass das Glück nicht von Dauer sein wird.

Ebenso abrupt, wie sie in sein Leben getreten war, verlässt Pegeen eines Tages den tief verletzten Axler mit den Worten: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Woher den Mut nehmen, dem Leben ein Ende zu bereiten? Axler nimmt sich ein Beipiel an einer Mitpatientin aus der Psychiatrie, die endlich den Mann erschießt, der jahrelang ihre Tochter missbrauchte.

Philip Roth erzählt Axlers Geschichte mit einfachen Worten und mit alttestamentarischer Wucht. In Kürze erscheint die dritte Novelle „Nemesis“ - Rache - auf englisch. Das Warten darauf fällt schwer.

Philip Roth: Die Demütigung. Hanser Verlag, 138 Seiten, 15,90 Euro. Wertung: !!!!!

Von Werner Fritsch

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