Young Euro Classic Festivalorchester Südosteuropa beim Kultursommer in Kassel

Die geraubte Zugabe

Sie setzten Akzente: Martina Filjak und junge Musiker aus Ex-Jugoslawien spielten Beethovens 5. Klavierkonzert. Foto: Socher

Kassel. Mit großem Beifall ging am Sonntagabend in der Kasseler Stadthalle das Auftaktkonzert der Reihe „Sommer Sinfonie“ des Kultursommers Nordhessen zu Ende. Im mit etwa 600 Zuhörern gut besuchten Saal stellte sich das Young Euro Classic Festivalorchester Südosteuropa vor, dessen Zusammensetzung wie Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra auch eine politische Dimension hat, denn hier spielen Musikerinnen und Musiker zusammen, die aus den sieben Staaten stammen, die früher zu Jugoslawien gehörten.

Unter der Leitung des Weltklassecellisten Heinrich Schiff waren zwei Werke Ludwig van Beethovens angekündigt. Beim ersten, dem 5. Klavierkonzert, stand naturgemäß die Pianistin im Mittelpunkt. Die Kroatin Martina Filjak hatte schnell die Aufmerksamkeit und die Sympathien für sich, und dies nicht nur wegen ihren langen roten Kleides.

Ihr Spiel war von der ersten Sekunde an überzeugend, vor allem weil sie neben einer zweifelsfreien technischen Beherrschung interpretatorische Akzente setzen konnte, die das gut bekannte Stück interessant machten. Die Kroatin verfügt über die Fähigkeit, übergangslos zarte und kräftige Passagen ineinander zu verweben.

In einem kleinen Detail, dem Übergang vom zweiten zum dritten Satz, gelang dies zum Beispiel brillant. Als Dank für den Applaus spielte sie berührend das Prélude op. 9,1 von Alexander Skrjabin.

Dann ein ebenso bekannter Dauergast in den Konzertsälen: Beethovens Siebte. Das Orchester vom Balkan, in allen Instrumenten qualitativ gut besetzt, erzielte ein respektables Ergebnis weit über dem Durchschnitt. Glanz und Kraft hielten sich die Waage, solistische Stellen und großer Tutti-Einsatz gelangen gleichermaßen. Was fehlte, war ein letzter Schliff, der vom Dirigenten hätte kommen müssen.

Heinrich Schiff jedoch blieb in seinem Dirigat unverbindlich und wenig präzise, manchmal sogar irritierend. Die Mehrzahl der Musiker erwartete sich vom Pult offenbar nicht viel, denn Blickkontakt wurde selten gesucht.

Als Abschluss lieh sich der Altmeister der deutschen Celloschule ein Instrument von einer Musikerin und spielte als Zugabe, die sich das Publikum eigentlich vom Orchester erklatschen wollte, die Sarabande aus Bachs erster Cellosuite.   TERMINE RECHTS

Von Johannes Mundry

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