Gerhard Richter zum 80. Geburtstag: Große Schau in London

Selbstporträt: Gerhard Richter als Baby mit seiner „Tante Marianne“ von 1965.

London. An einem sonnigen Herbstwochenende gleicht die Tate Modern in London einem Kaufhaus statt einem Museum. Tausende flanieren entlang der Themse, schieben sich über Norman Fosters elegante „Millennium Bridge“ und schauen im ehemaligen Heizkraftwerk rein, das jedes Jahr fünf Millionen Besucher verkraften muss.

Der Eintritt für die Dauerausstellung ist frei: Gedränge auf den Rolltreppen, die Shops (in denen man viel Geld für schöne Dinge ausgeben kann) brechend voll, in der Cafeteria, von der man einen spektakulären Blick auf St. Paul’s Cathedral hat, ist kaum ein Platz frei.

Gerhard Richter

Schlangen bilden sich auch an Kassen, an denen man die teure Karte (12,70 Pfund, fast 15 Euro) für die Sonderausstellung auf Ebene 4 erwirbt: „Gerhard Richter. Panorama“. Die Schau, die ab Februar in der Berliner Neuen Nationalgalerie und danach im Centre Pompidou Paris zu sehen sein wird, erfüllt alle Erwartungen eines solchen Titels. Sie bietet - aus Anlass von Richters 80. Geburtstag am 9. Februar - einen umfassenden, tief beeindruckenden Überblick über sein Werk.

Britische Besucher steigen bereitwillig tief in deutsche Geschichte ein, lesen Wandtafeln, die von der Ausbildung des Dresdners in der DDR, seiner Übersiedlung in den Westen 1961 berichten, von seiner Erfindung des „kapitalistischen“ in Abgrenzung zum „sozialistischen Realismus“. Sie sehen Richters auf Fotografien beruhende, schwarz-weiß gehaltene, unscharfe Gemälde, Auseinandersetzungen mit den Versprechen der Werbung, Historienbilder der Bundesrepublik, wie seine der Nazi-Euthanasie zum Opfer gefallene „Tante Marianne“ und den im Krieg gebliebenen „Onkel Rudi“.

Überhaupt sehen sie Grau in allen Facetten, aber auch Farbtafeln, die den Ausgangspunkt bildeten für Richters buntes Kölner Domfenster.

In den 13 Räumen hängen, chronologisch wie thematisch geordnet, 150 Bilder, die alle Kontinuitäten, Widersprüche und Brüche Richters zwischen figurativer und abstrakter Malerei, Präzision und Zufall deutlich machen. Sein Infragestellen der Malerei, sein unbeirrtes Festhalten daran. Seine nackt eine Treppe hinabsteigende erste Frau „Ema“, seine Tochter „Betti“, die 2007 während der documenta im Fridericianum hing. Die Serie der RAF-Gefangenen und -Toten des Deutschen Herbsts 1977. „September“, überraschend klein, kaum als Darstellung des Attentats auf das World Trade Center erkennbar.

Es gibt Serien, bei denen der 79-Jährige Farben übereinandergeschichtet, mit einem Rakel über die Leinwand gezogen hat. Es gibt Landschaften, ein „Seestück“, Wolken, Blumen, sogar Glasskulpturen, die Kopie eines Vermeers - und so vieles andere. Bis die frühen Linoldrucke „Elbe“ von 1957 den Kreis schließen.

Am Ausgang gibt es jede Menge zu kaufen, Kataloge, Postkarten, Poster, exquisite Prints. Ein Gemälde, eine „Kerze“ von Anfang der 80er, wurde gerade für fast 12 Mio. Euro versteigert. „Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise“, kommentierte das der Maler, „unverständlich, albern, unangenehm“. Unwillkürlich denkt man, wie viel Geld man selbst wohl für einen Richter ausgeben würde, wenn man es denn könnte: eine ganze Menge.

Von Mark-Christian von Busse

Bis 8.1., www.tate.org.uk/modern, ab 12.2. in Berlin.

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