Gericht entscheidet: Techno ist jetzt Kultur

Tempel des Maschinen-Bum-Bum-Bums: Der legendäre Berliner Techno-Club Berghain. Fotos: nh

Für Aufsehen hat das Finanzgericht Berlin-Brandenburg gesorgt: Techno ist Kultur, urteilten die Richter. Der Club Berghain muss weniger Umsatzsteuer zahlen. Das wird auch in Kassel begrüßt.

Es hat mehr als 20 Jahre gedauert, bis Ralph Raabe bestätigt bekam, dass er Kultur und nicht nur Party macht. Der 50-Jährige betreibt in Kassel unter anderem den Club A.R.M., in dem DJs elektronische Musik auflegen. Nun hat das Finanzgericht Berlin-Brandenburg in Cottbus entschieden: Techno ist Kultur.

„Es ist schön, dass es jemand so sieht, wie wir Techno erleben“, sagt Raabe über das Urteil, mit dem einer Klage des Berliner Clubs Berghain stattgegeben wurde und das wegweisenden Charakter haben könnte. Es ging nämlich nicht nur um eine Definitionsfrage, sondern auch um deutsches Steuerrecht und viel Geld.

Seit 2009 muss der Techno-Laden im Stadtteil Friedrichshain 19 Prozent Umsatzsteuer ans Finanzamt zahlen und nicht mehr 7 Prozent, wie es für „Theater, Konzerte und Museen sowie die den Theatervorführungen und Konzerten vergleichbaren Darbietungen ausübender Künstler“ üblich ist, wie es im Umsatzsteuergesetz heißt.

Das Finanzamt hatte argumentiert, Techno sei Unterhaltung und nicht Kultur, weil das Publikum nicht klatsche, sich dafür aber an Drogen berausche. Dagegen hatten die Betreiber des Berghain geklagt, der nicht nur wegen seiner knallharten Türsteher weltberühmt ist. Die Richter in Cottbus mussten darum die Frage klären, was ein DJ eigentlich genau macht. In der Verhandlung wurden auch noch andere Fragen gestellt wie: „Erzählen Sie doch bitte etwas über die sogenannten Darkrooms?“

So berichtet es „Spiegel“-Redakteur Tobias Rapp, der als Zeuge geladen war. Der Musikjournalist hatte 2009 in seinem Buch „Lost and Sound: Berlin, Techno und der Easyjetset“ definiert, was ein DJ macht. Nun schrieb er ein Gutachten für das Berghain, das die Richter überzeugte. Laut Rapp „entspricht die Kreativität eines DJs beim Mixen von Musik der eines Dirigenten. Nur mit Maschinen-Bum-Bum-Bum als Material und keiner Partitur.“

So sieht es auch der Kasseler Raabe, für den die typisch deutsche Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur schon immer ein Graus war: „DJs sind großartige Musiker, die ein Kunstwerk entstehen lassen. Deswegen kommen die Leute zu Techno-Veranstaltungen. Das kann man mit dem Staatstheater vergleichen.“

Anders als das Staatstheater muss das A.R.M. jedoch weiterhin 19 Prozent Umsatzsteuer zahlen. Das zuständige Finanzamt hatte den niedrigeren Kultursatz schon lange vor dem Urteil nicht genehmigt. Raabe will nun beobachten, ob aus dem Cottbuser Urteil ein Trend wird. Bis dahin wird weiter mit viel DJ-Kultur gefeiert.

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