Das DT in Göttingen zeigt mit „Wunsch und Wunder“ eine beißende Satire über eine Kinderwunschpraxis

Das Geschäft mit der Sehnsucht

Schrille Performance: David Lau (Stefan Schimmerle, von links), Henrike Hahn (Katja von Teich), Gabriel von Berlepsch (Dr. med. Bernd Flause), Rebecca Klingenberg (Dr. med. Betty Bauer) und Rahel Weiss (Arzthelferin Nicole Neider). Foto: Pauly

Göttingen. Manchmal musste es schnell gehen mit der künstlichen Befruchtung. Da ist der Arzt öfter mal selbst eingesprungen als Sperma-Lieferant. Hat ja selbstredend beste Qualität in der Hose. Oder aber der Pizzabote wurde verpflichtet, an den sich die Arzthelferinnen zungeschnalzend noch gern erinnern.

Tja, früher war die professionelle Kinderwunscherfüllung lässiger, erinnert sich Dr. med Bernd Flause (Gabriel von Berlepsch). Und heute? Mehr Medizintechnik, mehr Bürokratie. Dazu kommen diese Spenderkinder, die heute immer wieder in der Praxis stehen und Auskunft über ihren Vater erhalten wollen. Lästig. Unterlagen gibt es ohnehin nicht, die Mühe hat man sich damals nicht gemacht. Hauptsache schwängern. Manchmal reicht es aber, einfach nach der optischen Ähnlichkeit zu schauen, dann sieht man schnell, dass der Herr Mediziner selbst der Erzeuger ist.

Das Deutsche Theater in Göttingen bringt mit „Wunsch und Wunder“ von Felicia Zeller eine beißende Satire über das medizinische Geschäft mit dem Kinderwunsch auf die Bühne. Zeller kleidet Themen wie ethische Verantwortung und die Verzweiflung von Single-Frauen, die ihre biologische Uhr ticken hören, das Einfrieren von Eizellen und Probleme mit inaktivem Sperma („Die Diagnose liegt in der Hose“) in eine turbulente, sehr witzige Szenenfolge, bei der viel grimassiert und herumgealbert wird.

Auch wenn die schrille Form mit all den Telefonschnur-Wickeleien, dem Gekreische und dem Herumgematsche mit einem Becherchen von „dampfendem Ejakulat“ über die 80 Spielminuten nicht unanstrengend ist, erweist sich die Satire als gut geeignet, den politisch, soziologisch und ethisch brisanten Stoff zu bearbeiten.

Bei der nicht ausverkauften Premiere am Samstag gab es für das Regieteam um Christoph Mehler neben viel Applaus trotzdem auch einige wenige Buhrufe.

Jennifer Hörrs in etwa zwei Meter Höhe verlagerte schmale Guckkastenbühne und ihre plakativen Medizinklischee-Kostüme sowie das präzise Komödientiming von Regisseur Mehler lassen das fünfköpfige Ensemble zu Hochform auflaufen. Die Musik kommt von David Rimsky-Korsakow.

Gabriel von Berlepsch zelebriert als Halbgott in Weiß eine x-beinige Affektiertheit vor seinem ihm buchstäblich zu Füßen liegenden Team, dazu einen reliquiengleichen Kult um seine Chirurgenhände. Auch Henrike Hahn, Rebecca Klingenberg, David Lau und Rahel Weiss geben im kurzen Arztkittel, mit dem Pornoheftchen im Labor oder beim Nachdenken über die Bindungsunwilligkeit potenzieller Partner für die geneigte Enddreißigerin alles.

Wieder am 9., 15., 21.4., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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