„Carlos - Der Schakal“ zeichnet ein Porträt des politischen Gewalttäters

Neu im Kino: Geschäftsmann des Terrors

Elegante Erscheinung: Carlos (Édgar Ramírez) bei der Ankunft am Flughafen in Beirut. Foto:  Verleih

Ilich Ramírez Sánchez – genannt Carlos – führte in den Siebziger- und Achtzigerjahren unangefochten die internationalen Fahndungslisten an. Er war ein Terrorist, der die Globalisierung der politisch-motivierten Gewalt vorwegnahm.

Seine Kontakte reichten von den deutschen „Revolutionären Zellen“ über die palästinensische PFLP bis hin einem weiten Netz von internationalen Geheimdiensten in Libyen, der DDR, der Sowjetunion und dem Irak.

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Erst nach dem Ende des Kalten Krieges und zwanzigjähriger Terroristen-Karriere wird Carlos im Sudan vom französischen Geheimdienst dingfest gemacht und in Paris vor Gericht gestellt.

Der französische Filmemacher Olivier Assayas kundschaftet nun in „Carlos - Der Schakal“ das wendungsreiche Leben des Top-Terroristen in einem fünfstündigen Epos, das auch in einer gekürzten Drei-Stunden-Version in die Kinos kommt, gründlich aus, und das ist von der ersten bis zur letzten Minute außerordentlich spannend.

Der bisher weitgehend unbekannte Édgar Ramírez spielt den „Soldat der Revolution“, wie Carlos sich selbst bezeichnet, als charismatischen, selbstgefälligen Macho, der Frauen genauso um den Finger wickelt wie militante Linke und versierte Geheimdienstmitarbeiter. Assayas zeigt ein äußerst umfangreiches Bild der terroristischen Aktivitäten, ohne in eine chronologische Abhakdramaturgie zu verfallen.

Netzwerk aufbauen

Der Geiselnahme im Wiener OPEC-Hauptquartier im Jahr 1975 wird genauso viel Raum eingeräumt wie der Darstellung der Gruppendynamik innerhalb der Dreierkonstellation, in der Carlos, seine Frau Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten) und das Revolutionäre-Zellen-Mitglied Johannes Weinrich (Alexander Scheer) mit Unterstützung der DDR-Staatssicherheit ein internationales Terror-Netzwerk aufzubauen versuchen.

Mit genauer journalistischer Recherche und aufwendiger, filmischer Logistik folgt der Film dem weltmännischen Revolutionär, der zunehmend zum käuflichen Auftragsmörder mutiert.

Assayas ist dabei ebenso wenig an der Mystifizierung der Figur gelegen wie an der psychologischen Erklärung und moralischen Distanzierung. Er definiert das Phantom Carlos vornehmlich durch seine Taten, deren ideologische Motivation immer mehr in den Hintergrund tritt, und zeichnet ein detailliertes Bild des internationalen Terrorismus, der fest in die Logik und die Machtstrukturen des Kalten Krieges eingebunden war.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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