Ein gescheiter Depp: Wolf Haas liest aus seinem Brenner-Krimi beim Göttinger Literaturherbst

Es geht um schöne Russinnen, das Rotlichtmilieu in Wien und Tätowierungen: Das Buch-Cover von „Brennerova“ passt wie die Faust aufs Auge. Foto: Hoffmann und Campe

Als Kritiker ist man kurz davor, sich die Finger abzuhacken, nur um Wolf Haas nicht zu enttäuschen. Im Interview mit unserer Zeitung gestand der österreichische Bestsellerautor, dass ihm „ein bösartiger Verriss hundertmal lieber“ sei als „eine tumbe Nacherzählung“, in der es heißt: „Und gegen Ende gibt es eine überraschende Wendung, und zwar ...“ Rezensenten, die ein Roman-Ende verraten, sind dem 53-Jährigen ein Graus.

Auch im achten Brenner-Krimi „Brennerova“, den Haas nun vorgelegt hat, gibt es am Schluss eine überraschende Wendung, und zwar ... - na gut, lassen wir das, um den Schriftsteller und die Leser nicht zu enttäuschen. Die Handlung ist jedenfalls sehr durchgeknallt. Wäre der Filmemacher Quentin Tarantino Krimiautor, würde er Geschichten erzählen wie „Brennerova“.

Haas stellt den Roman am 17. Oktober beim Göttinger Literaturherbst vor. Man freut sich jetzt schon darauf, dass das Buch mit Josef Hader in der Hauptrolle des Privatdetektivs Simon Brenner einmal verfilmt wird - wie bereits vier andere seiner Bücher, die Haas zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Krimiautoren gemacht haben.

Diesmal ermittelt Brenner auch in eigener Sache. Er hat sich im Internet nach Russinnen umgesehen und gerät an eine hübsche Frau, deren noch hübschere Schwester von Menschenhändlern nach Österreich verschleppt wurde. Brenner trifft auf Zuhälter, Tätowierer und ihre komplett beschrifteten Kunden.

Einer hat sich auf beiden Händen ein russisches Sprichwort unter die Haut stechen lassen: „Eine Hand wäscht die andere.“ Das ist vor allem beim Händewaschen schön doppeldeutig. Es geht also auch um das Thema Schrift im neuen Brenner-Krimi, was ebenfalls doppeldeutig ist, denn Haas geht es nicht nur um den Plot, sondern immer auch die Form.

Der zweite Held neben Brenner ist seit jeher sein namenloser Erzähler, der über alles Bescheid weiß, Wörter auslässt, die man sich dazudenkt, und eine Kunstsprache schafft, die in jeder Kneipe gesprochen werden könnte. „Aber pass auf, was ich dir sage“, ist so ein typischer Haas-Satz, wegen dem man das Buch nicht mehr aus der Hand geben will.

In den besten Momenten funktioniert das eine, die Handlung, nicht ohne das andere, den Erzählton. Manchen Irrsinn, glaubt Haas, würde man sich „in keiner anderen Sprache auf die Nase binden lassen“. Seine Protagonisten hält er für ein „alchemistisches Wunder: Der Brenner ist ein Depp, der Erzähler ist auch ein Depp. Aber gemeinsam sind sie ziemlich gescheit.“

Am gescheitesten ist vielleicht die Szene, in der Mafiosi zwei Menschen die volltätowierten Hände abhacken. Im Krankenhaus werden sie wieder angenäht - bis jemandem auffällt, dass die Hände nicht zu den Menschen passen, die Tätowierungen stimmen nicht überein. Da möchte man sich selbst die Hände tätowieren lassen, damit einem so etwas nicht auch widerfährt. Davor aber entschuldigt man sich als Rezensent bei Haas dafür, dass man diese Pointe nicht für sich behalten konnte.

Wolf Haas: Brennerova. Hoffmann und Campe, 242 Seiten, 20 Euro. Wertung: fünf von fünf Sternen

Göttinger Literaturherbst: Wolf Haas liest am Freitag, 17. Oktober, 21 Uhr, im Alten Rathaus. Tickets: 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.