Mit „Siegfried“, der dritten „Ring“-Oper, spaltet Regisseur Frank Castorf endgültig das Bayreuther Publikum

Gescheiterte Helden und Prolls

Das amerikanische Felsendenkmal Mount Rushmore auf sozialistisch: Frank Castorfs „Siegfried“-Inszenierung setzt vor dem monumentalen Hintergrund der gescheiterten kommunistischen Helden Marx, Lenin, Stalin und Mao an. Foto: dpa

Bayreuth. Zwei riesige Krokodile wälzen sich auf Siegfried und Brünnhilde zu, die am Imbissstand am Berliner Alex gerade (etwas gelangweilt) ihre Liebe besingen, und verschlingen den Waldvogel, der Siegfried zuvor zu Brünnhilde führte. „Heil dem Tage, der uns umleuchtet! Heil der Sonne, die uns bescheint!“, lautet dazu der Text.

Dieser Schluss geht vielen im Bayreuther Festspielhaus zu weit. Mit einem Buhsturm quittieren sie Frank Castorfs „Siegfried“, den dritten Teil von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Nach dem ideen- und bilderreichen „Rheingold“ und der etwas zurückgenommenen „Walküre“ hat es sich der Berliner Volksbühnenchef jetzt offenbar mit einem Großteil des Publikums verscherzt.

Dabei gilt der „Siegfried“ Wagner-Deutern ja gerade als „Scherzo“ innerhalb des „Rings“, als Ort grotesken Humors und märchenhaften Zaubers, etwa wenn Siegfried durch seine Berührung mit dem Blut des getöteten Riesenwurms Fafner auf einmal die Sprache der Vögel versteht.

Doch es sind nicht allein Castorfs scheinbar abwegige Gags, die viele verstören. Spätestens jetzt ist klar, dass dieser „Ring“ keine zusammenhängende Erzählung bietet, sondern eine Folge von lose verbundenen Einzelszenen ist. Durch Fragmente werde „das Totale sichtbar“ gemacht, schreibt Castorf dazu mit Berufung auf deutsche Romantiker im Programmheft.

Welche Story-Fragmente werden also erzählt? Wie Siegfried dem betulich-hinterlistigen Ziehvater Mime seine Herkunft entlockt und sich das Schwert Nothung schmiedet, spielt vor der grandiosen Kulisse des amerikanischen Felsendenkmals Mount Rushmore, das hier keine US-Präsidenten, sondern vier gescheiterte sozialistische Helden zeigt: Marx, Lenin, Stalin und Mao (Bühne: Aleksandar Denic). Später, wenn Siegfried dem Gott Wotan, der hier als Wanderer vorbeistreift, mit dem Schwert den Speer zerschlägt und ihn so entmachtet, werden deren beide Gesichter auf den Fels projiziert - auch sie werden scheitern.

Auf der Rückseite dieser Kulisse, dem Berliner Alexanderplatz zur DDR-Zeit, geht es im Sinne des Castorf’schen Trash-Theaters munter prollig zu. Statt mit dem Schwert nietet Siegfried Fafner, einen Zuhälter, mit der Maschinenpistole um (ein Zuschauer wurde von der lauten MP-Salve ohnmächtig und musste versorgt werden). Und der abgerissene Wanderer Wotan, der von der weisen Edelnutte Erda keinen Rat mehr bekommen kann, lässt sich zum Abschied von der Mutter seiner Walküren-Töchter noch einmal oral bedienen.

Castorf erzeugt eine enorme Fallhöhe, wenn die Akteure innerhalb einer Szene mittels Drehbühne jäh von der Heldenkulisse in die Großstadt-Tristesse wechseln. Wie Siegfried Brünnhilde vor dem Felsen erweckt, ist ein ergreifender Moment, ihr beginnender Ehealltag auf dem Alex spiegelt aber schon die große Illusion, die dem Jubel innewohnt. Und die Krokodile? Sie lassen wohl ahnen, dass mit diesem Paar etwas Wildes, Gefährliches in die Alltagswelt Einzug hält.

Das beglaubigen die beiden auch stimmlich: Catherine Foster hat als Brünnhilde alles drauf vom zarten Erwachen bis zur triumphalen Attacke. Lance Ryan singt den Siegfried mit heldenhaft heller und kraftvoller Stimme, tendiert aber zum Schreien. Nach verhaltenem Beginn im „Rheingold“ hat sich Wolfgang Koch als kraftvoller, sprachmächtiger Wotan an drei Abenden in die Herzen des Publikums gesungen. Und selbst die heftigsten Buher bejubelten erneut den Dirigenten Kirill Petrenko, der im „Siegfried“ noch einmal zulegte und einen beispielhaft kraftvollen, jeden Moment hell ausleuchtenden Soundtrack erzeugte.

Von Werner Fritsch

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