Michael Degen las in der Vellmarer-Kulturhalle aus seinem Mann-Roman „Familienbande“

Die Geschichte eines Ungeliebten

Michael Degen

Vellmar. Als er die Tagebücher von Thomas Mann las, war er schockiert, mit welcher Kälte der Jahrhundertschriftsteller über seinen jüngsten Sohn Michael schrieb. Schon als Säugling habe ihn bei seinem Anblick Ekel erfasst, notiert Thomas Mann.

Vielleicht war es beim Lesen dieser Zeilen, dass Michael Degen den Entschluss fasste, einmal ein Buch über den jüngsten Mann-Sohn zu schreiben. Jetzt las der beliebte Schauspieler und Autor zweier autobiografischer Werke auf Einladung des Literaturvereins Ecke und Kreis in der voll besetzten Vellmarer Kulturhalle aus seinem erfolgreichen Roman „Familienbande“.

Bibi schreit. Nächtelang, starrsinnig, misstrauisch. Vielleicht gilt dieser wütende Protest des Säuglings schon damals der Lieblosigkeit seiner Umgebung. Bibi ist das jüngste und wahrscheinlich unglücklichste Kind des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, ein Leben lang wird er sich um seine Liebe und Anerkennung bemühen. Großer Vater, armer Vater.

Michael Degen, dessen TV-Paraderolle als Donna Leons Vice-Questore Patta seine Fans begeistert, hat die vielschichtigen Facetten des Mannschen Familienkosmos auf der Grundlage zahlreicher Dokumente, Briefe und Selbstzeugnisse erschlossen, zwischen Fiktion und Biografie einen überzeugenden Weg zu den historischen Figuren gefunden.

Entstanden ist so ein fesselnder Roman über eine tragische Vater-Sohn-Beziehung. In Vellmar liest der 79-jährige Degen mit der großen Souveränität eines erfolgreichen Schauspielers - er spielt und liest sich mit der Darstellung eines kleinen, wütenden Jungen, der um seinen großen Vater vergeblich kämpft, in die Herzen seines Publikums hinein.

Michael Mann wird nach dem Tod seines Vaters dessen Tagebücher, in denen Thomas Mann seine Abneigung gegenüber seinem jüngsten Sohn notiert, herausgeben. 1977 stirbt der vielfach begabte Musiker und Germanistik-Professor an einer tödlichen Mischung aus Alkohol und Tabletten.

Michael Degen: Familienbande, Rowohlt Verlag, 480 Seiten, 22,95 Euro.

Von Juliane Sattler

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