Das Staatstheater zeigt Mozarts „Titus“ mit neuen Rezitativen von Manfred Trojahn - Premiere am Samstag

„Geschichte auf heutige Weise erzählen“

Kassel. In der Opera seria, der ernsten Oper des 18. Jahrhunderts, treiben sie Handlung voran: die Rezitative mit ihrem dem Sprechen angenäherten Gesang.

Mozart schrieb seine Oper „La clemenza di Tito“ unter enormem Zeitdruck und überließ deshalb die Komposition der vom Cembalo begleiteten Rezitative einem Helfer, vermutlich Franz Xaver Süßmayr. Als bloß routiniert stufte die Nachwelt dessen Arbeit ein. 2002 schuf der prominente Komponist Manfred Trojahn für das Musiktheater Amsterdam eine Neuvertonung der Rezitative - mit großem Erfolg. Am Samstag hat die Trojahn-Fassung des „Titus“ am Staatstheater Kassel Premiere.

Herr Trojahn, wie viel Prozent Trojahn und wie viel Prozent Mozart erwarten das Kasseler Publikum bei „Titus“?

Manfred Trojahn: Ich kenne die Produktion in Kassel noch nicht, und so kann ich nicht sagen, wie die Fassung ausschaut, die man dort erarbeitet hat. In der Partitur kann man von annähernd gleichen Anteilen beider Komponisten ausgehen.

Inwieweit beziehen Sie sich auf Mozarts Musik?

Trojahn: Ich habe ja keine Rezitativformen komponiert, sondern versucht, die Texte in ganz zeitgenössischer Weise durchzukomponieren, also sie auch mit dem vollen Orchester begleiten zu lassen. Zudem habe ich dem Cembalo im Zusammenhang mit der Titus-Figur einen besonderen Stellenwert eingeräumt und der Bassettklarinette, die Mozart nur in einer Arie des Sesto verwendet, einen größeren Raum gegeben. Es ist also eine Mischform zwischen Mozarts Musik und meiner eigenen entstanden, an der jeder etwa einen gleich großen Anteil hat.

Gleichen Sie Ihre Musiksprache der Mozarts an, oder setzen Sie deutliche Kontraste?

Trojahn: Es wird hier sehr deutlich die Musik Mozarts mit der meinen konfrontiert. Bis auf die Besetzung, die bei meinem Anteil gleich bleibt, werden keine Mozart’schen Stilmittel aufgegriffen, und nur an einer einzigen Stelle wird zu Mozarts Musik übergeleitet. Die harten Schnitte - vor allem nach der Ouvertüre ist das verstörend deutlich - werden sicher zunächst als sehr fremd empfunden. Aber die Erfahrung zeigt, dass man sich sehr schnell an das Spiel mit den verschiedenen Ebenen gewöhnt und es als etwas begreifen lernt, das die dramatischen Vorgänge in diesem Stück intensivieren kann.

Worin besteht der Reiz einer Gegenüberstellung von klassischen und modernen Klängen?

Trojahn: Ich habe mir weniger Gedanken darüber gemacht, wie die beiden Klangwelten miteinander korrespondieren, als über die Frage, wie die heftige Geschichte, die in diesem Stück erzählt wird, durch die Musik zu ihrer Wirkung kommt. Wenn man den alten Rezitativen etwas vorwerfen kann, dann, dass die Geschichte durch sie einen formalistischen Aspekt erhält. Das ist natürlich eine ganz heutige Sichtweise, die Mozart oder gar Süßmayr überhaupt nicht interessiert hätte.

Wie sind Sie vorgegangen?

Trojahn: Die Aufgabe bestand darin, die Geschichte auf heutige Weise zu erzählen - also die Psychologie der Figuren durchsichtig zu machen - und sich dabei immer wieder mit der Lösung Mozarts zu konfrontieren.

Worin sehen Sie das Zukunftsweisende in „Titus“?

Trojahn: Man erkennt deutlich, warum „Titus“ den Komponisten am Beginn des 19. Jahrhunderts die wichtigste Oper von Mozart zu sein schien, die neben der „Zauberflöte“ zu den meistaufgeführten zählte. Wenn Sie einen Komponisten wie Louis Spohr anschauen, in dessen „Faust“-Oper es sogar zu Zitaten aus dem „Titus“ kommt, dann bemerkt man, dass Mozarts Musik hier tatsächlich die frühe Romantik vorprägt und ihr eindeutig das Vokabular liefert.

Premiere: Samstag, 19.30 Uhr Opernhaus. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Georg Pepl

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