Interview: Frankreichs Filmstar Juliette Binoche spielt in „Die Liebesfälscher“ ein Verwirrspiel um Gefühle

„Geschichte hat mich gepackt“

Während einer Lesereise in Italien trifft der britische Autor James Miller (William Shimell) auf eine schöne Kunstexpertin (Juliette Binoche). Sogleich scheint der Funke zwischen ihnen überzuspringen und sie fahren im neuen Film „Die Liebesfälscher“ aufs Land. Sie schlendern durch die verträumten Gassen eines Dorfes. Doch nach und nach nehmen ihre Gespräche eine neue Wendung. Lernen sie sich wirklich erst kennen, oder sind sie schon lang vertraut miteinander? Der iranische Meisterregisseur Abbas Kiarostami („Der Geschmack der Kirsche“) inszeniert. Wir sprachen mit Hauptdarstellerin Juliette Binoche.

Ein Mann und eine Frau, die sich kennenlernen und sich womöglich schon lange kennen - was hat Sie an dieser Geschichte fasziniert?

Juliette Binoche: Abbas Kiarostami hat mir diese Geschichte erzählt, als ich ihn in Teheran besucht habe. Zu diesem Zeitpunkt stand noch gar nicht fest, dass wir einen Film zusammen machen. Er hat sie mir so erzählt, als habe er sie selbst erlebt, und am Ende sagte er: „Das ist alles nur erfunden“. Aber die Geschichte hat mich sofort gepackt, weil in ihr nicht klar ist, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verlaufen. Als Schauspielerin ist man sehr oft in der Situation, dass man vor der Kamera voll in der eigenen Rolle aufgeht und dann heißt es „Cut“ und man wird in die Realität zurückgeworfen. Diesen Wechsel zwischen Fiktion und Realität innerhalb eines Filmes zu thematisieren, fand ich sehr spannend.

Was ist das Besondere an den Filmen Kiarostamis?

Binoche: Kiarostami ist ein sehr höflicher Mann. Mit ihm zusammen zu sein, gibt mir Ruhe. Seine Filme sind spirituell. Wenn man einen seiner Filme gesehen hat, denkt man noch lange darüber in seinem eigenen intimen Raum nach.

Er arbeitet selten mit professionellen Schauspielern.

Binoche: Gerade darin lag die besondere Herausforderung für mich. Er sollte nicht merken, dass ich spiele, auch nicht in den Momenten, in denen meine Figur selbst etwas vorspielt. Kiarostami sagt, dass seine Filme vom Schnitt leben. Aber ich wollte, dass dieser Film von Emotionen getragen wird.

Wie echt sind Filmemotionen?

Binoche: Für Kiarostami sind die Emotionen einer Schauspielerin nur eine Täuschung. Der Schmerz ist nicht echt, weil man ihn nach dem Dreh wieder ablegen kann. Aber das stimmt natürlich nicht ganz. Als Schauspielerin dringt man für diese Emotionen in dunkle Orte und schwierige Bereiche der eigenen Persönlichkeit vor.

Sie haben im Laufe Ihrer Karriere mit sehr vielen interessanten Regisseuren zusammengearbeitet. Sehen Sie jedes Projekt als Einzelerfahrung, oder fügen sich diese Erfahrungen zu einen großen Ganzen zusammen?

Binoche: Wenn ich mich für einen Film entscheide, denke ich nicht an meine Vergangenheit und nicht an meine Zukunft. Aber wenn ich danach zwei Schritte zurückgehe und die eigenen Entscheidungen noch einmal betrachte, ist es, als würde ich auf ein Gemälde blicken, das langsam Gestalt annimmt. Darin spiegeln sich die eigenen Themen und Lebenserfahrungen wider.

Sie hatten nie einen Karriereplan?

Binoche: Ich habe meine Entscheidungen weder aus Ängsten noch aus einem Bedürfnis nach Ruhm getroffen. Auch der Entschluss, nicht nach Amerika zu gehen, war eine ganz persönliche Entscheidung. Dass manche Filme, die ich gemacht habe, populär wurden, war für mich eher ein Nebeneffekt.

Von Martin Schwickert

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