Interview: Regisseur Michel Hazanavicius über seinen Stummfilm „The Artist“, einen Oscar-Favoriten

„Geschichte über Bilder erzählen“

Ein Film über das Flair der Stummfilmzeit: Szene aus „The Artist“. Foto:  Delphi/ nh

In seinem diese Woche anlaufenden Film „The Artist“ entwirft Regisseur Michel Hazanavicius eine Hommage an die Stummfilmära und erzählt die Geschichte des gefeierten Stummfilmstars George Valentin (Jean Dujardin), der mit der Einführung des Tonfilms ins künstlerische und gesellschaftliche Abseits gerät. „The Artist“ gilt als Favorit für die Oscars.

Herr Hazanavicius, woher kommt Ihre Liebe zum Stummfilm?

Michel Hazanavicius: Ich habe als Kind die clownesken Filme mit Charlie Chaplin oder Buster Keaton gesehen. Den klassischen Stummfilm habe ich erst später entdeckt. Da habe ich schon als Regisseur gearbeitet. Diese Filme haben mich unheimlich fasziniert, und ich bin vor zwölf Jahren auf den Gedanken gekommen, dass ich selbst einen Stummfilm machen will. Ich glaube, die Einführung des Tonfilms kam viel zu früh. In den letzten fünf Jahren der Stummfilmära wurden ungeheuer interessante Filme gedreht, die in ihrer Erzählweise und Bildsprache sehr ausgeklügelt waren. Hätte der Stummfilm zehn Jahre länger Zeit gehabt, wären bestimmt noch einige Meisterwerke entstanden. Ich wollte einen Film machen, der die Entwicklung virtuell weiterspinnt.

Was waren Ihre Vorbilder?

Hazanavicius: Ich habe mich vor allem an den amerikanischen Filmen von Mitte bis Ende der 20er-Jahre orientiert, weil es in diesen Filmen wirklich um Menschen geht. Die deutschen Stummfilme wirken meiner Meinung nach heute ein wenig veraltet, weil sie sehr metaphorisch arbeiten. Die Figuren sind weniger Menschen aus Fleisch und Blut als künstlerisches Konzept. Meine Vorbilder waren Filme wie Murnaus „Sonnenaufgang“ und „Die Frau aus Chicago“, Sternbergs „Die Docks von New York“, John Fords „Four Sons“, und Tonfilme wie Billy Wilders „Sunset Boulevard“ oder Orson Welles „Citizen Kane“.

Wie verändert sich die Arbeit eines Regisseurs bei einem Stummfilm?

Hazanavicius: Drehbuchschreiben und Regieführen verschmelzen mehr miteinander. Beim Schreiben fließt die Regievorarbeit gleich mit ein, weil man die Geschichte ja über Bilder erzählen muss.

Was haben Sie bei diesem Stummfilmprojekt für Ihr weiteres Filmschaffen gelernt?

Hazanavicius: Ich habe eine größere Sicherheit in meiner Bildsprache gefunden. Man muss dem Publikum mehr Raum geben. Das habe ich von Fritz Lang gelernt. Wenn der Mörder in „M“ mit seinem Opfer in den Garten geht, lässt das Kind seinen Luftballon los. Die Kamera folgt dem Ballon und überlässt alles Weitere der Vorstellungskraft des Publikums.

Ihr Film überzeugt durch eine emotionale Klarheit. Ist das auch ein Ergebnis von dem Verzicht auf Sprache?

Hazanavicius: In einem Stummfilm kommen die Gefühle klarer zur Geltung, weil das Publikum die Emotionen beim Zuschauen eigentlich selbst herstellen muss. Sie müssen sich selbst vorstellen, wie die Stimme klingt und was gesagt wird.

Was sagen Sie Skeptikern?

Hazanavicius: Ich kann es gut verstehen, dass die Leute mit der Idee zunächst fremdeln. Ein Stummfilm in Schwarz-Weiß - das klingt erst einmal langweilig. Sie denken, es ist ein altmodischer Film, weil sie nur Stummfilme kennen, die vor hundert Jahren gedreht wurden. Aber „The Artist“ ist ein moderner Film, der mit alten Methoden gemacht wurde.

Sehen Sie Ihren Film auch als Gegengift zum modernen Hightech-Kino?

Hazanavicius: Ganz und gar nicht. „Planet der Affen“ etwa ist für mich einer der besten Filme des letzten Jahres und der ist vollgestopft mit Hightech-Effekten. Mit Filmen ist es wie mit der Musik. Es gibt gute Musik und den Rest. Das Format bestimmt nicht das, was man daraus macht. Nach „Avatar“ waren alle verrückt nach 3D, dabei sollten sie eigentlich verrückt nach James Cameron sein.

Von Martin Schwickert

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